Wie schreibe ich ein Hohlbeinbuch – in 5 Schritten

Wie schreibe ich ein Hohlbeinbuch – in 5 Schritten

(Bild via) Wolfgang Hohlbein – der deutsche Fantasyautor speziell der 90er Jahre, der nicht nur meine Kindheit verzaubert hat, sondern gleich die vieler Fantasyliebhaberzöglinge. Der, dessen Bücher oftmals auch in zweifacher Ausführung (schwarze Hardoverserie + irgendein Softcover) in meinen Regalen standen und gleich nicht nur ein, sondern gleich zwei Regalbretter damit einnahm. Ein Autor, den ich ob seines grandiosen Schreibstils, seiner Fantasie, seiner bezaubernden Charaktere schier vergötterte. Er war mein großes Idol. Ich wollte so werden wie er – nur in weiblicher Ausführung und ohne Bart, bitte.

Ich hatte sie alle: Märchenmond, Märchenmonds Kinder, Märchenmonds Kindeskinder und Märchenmonds Stiefenkel der Mutter seiner Katze, ich besaß 13, Midgard, das Druidentor, und wie sie noch alle hießen und ich besaß ein von ihm selbst signiertes Buch. Damals, auf der Feencon in Bonn, irgendwann zwischen 2002 und 2004, traf ich ihn vor Aufregung zitternd und bat um ein Autogramm. Dieses Buch war mein heiliger Gral.

Nun, das war einmal. Mittlerweile kann ich kaum mehr eines seiner Bücher lesen, ohne mir alle zeilenlang an den Kopf zu greifen, vor fremdbezogener Scham rot zu werden oder das Buch, von einem “Oh mein Gott….” untermalt wieder fortzulegen. Die Bücher sind ein wandelndes, in sich geschlossenes Klischee, nebst zwar fantasievoller, doch darum nicht weniger unlogischer Handlung  finden sich Fragmente, die “typisch Hohlbein” sind. Die einen nennen das romantisch verklärt “Es ist wie nach Hause kommen…”, andere verdrehen die Augen ob der zahlreichen Abkupferung Hohlbeins seiner Selbst von Buch zu Buch. Immerhin: er ist damit erfolgreich und manch einer wäre gerne ein Autor mit solchen Auflagen. Warum eigentlich “wäre gerne”? Es ist doch so einfach! Man muss nur wenige Punkte beachten und schon kann man selber ein Buch Marke Hohlbein verlegen lassen! Die beste Nachricht: ihr könnt es hier und jetzt lernen!

Wie werde ich zum Hohlbein: in 5 Schritten.

Schritt 1: Der Held


Stell’ dir einen normalen Jungen/Mann mit Shirt und Jeans vor. Er soll nichts  können und wenn er etwas kann, dann so etwas profanes wie “Briefmarken einkleben” oder “fantasievolle Löcher in die Luft starren”. Sportlichkeit und gutes Aussehen oder gar Beliebtheit sind tabu! Erfahrungen hat er bislang keine sammeln können. Obwohl faden Charakters, ist er innerlich jedoch unglaublich stark. Eine grundeigene Stärke, die er zwar bislang niemals unter Beweis stellen brauchte, aber dennoch massiv vorhanden ist. Er wird im Laufe der Geschichte vielleicht einen Fuß auf den “finsteren Pfad” setzen, dann aber selbstbewusst das Kinn anheben und wieder den richtigen Pfad entlangschreiten.

Merke: der hohlbeinsche Held hat nie Schwertkampftraining absolviert und ist sich keiner Muskulatur bewusst. Dennoch verleiht ihm ein spontan zugeworfenes Schwert die Fähigkeiten eines Waffenmeisters! Parieren? Kein Problem! Lasse ihn das jedoch immer mit einem gewissen Staunen untermalen: “Huch! Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann!” Ebenso erstaunlich ist sein Mut und seine Hilfsbereitschaft. Sein Motto: “Lasst mich ruhig zurück…. ihr könnt es auch ohne mich schaffen…. ich halte sie auf! (und rette danach noch eben die Welt vor dem Untergang.)”.

Flach, statt tief: dein Held soll eine leere Leinwand sein. Wage es bloß nicht, ihm besonderen Tiefgang oder Charakter zu geben. Seine Funktion ist es, der Spiegel des Lesers zu sein.

Schritt 2: Die Sidekicks und Mitläufer


Da dein Held angeblich nicht der Stärkste und Klügste ist, braucht er Gehilfen. Zum einen einen Jungen seines Alters, dessen Markenzeichen stets jugendliches Temperament und unüberlegtes Handeln sind. Natürlich, denn nur so, mit einem fehlerhaften Vergleich, kann der Held umso mehr glänzen! Dieser gleichaltrige Junge weiß zwar viel mehr über die fantastische Welt und deren Geheimnisse als der unwissende Held und hat auch viel mehr Fähigkeiten; trotzdem wird ihn der Held schnell in allem überholt haben.

Füge noch zwei, drei Stereotypen hinzu! Ein weiser, freundlicher Mann mit vorzugsweise langem Bart, etwa, der dem Helden hin und wieder den Weg weist. Der große Brummbär, der zwar alles kurz und klein hauen kann, aber im Herzen ein urfreundlicher Mensch (oder Bär) ist und in seiner Freizeit selbstgepflückte Gänseblümchen sammelt. Zelebriere die Stereotypen!

Wichtiger Faktor in jedem hohlbeinschen Jugendbuch: der kleine Sidekick. Es ist klein, es ist putzig und es hat eine verdammt große Klappe. Denk’ dir irgendein x-beliebiges, handliches Tier aus und verleihe ihm die Fähigkeit, zu sprechen. Fortan wird es fröhlich herummeckern und für den nötigen Humor sorgen. Lass es nicht unsympathisch meckern! Merke: es soll und muss dabei stets süß bleiben!

Schritt 3: Die Handlung


Der Klassiker: Junge findet Tor zu einer fremden Welt, fällt hindurch und findet sich in einem Kampf Gut gegen Böse wieder, den nur er entscheiden kann und wird. Klassiker Nummer 2: Junge lebt bereits in einer fremden Welt und findet sich in einem Kampf Gut gegen Böse wieder, den nur er entscheiden kann und wird. Klassiker Nummer 3: Junge befindet sich in der realen Welt, Monster fallen durch ein Tor aus einer fremden Welt in die Seine und finden sich in einem Kampf Gut gegen Böse wieder.

Man füge wahllos ein paar fantastische Elemente ein, würze es mit geheimnisumwobenen Orten und erstelle eine ominöse Legende oder Weissagung. Falls dir Lücken und Fehler in der Handlung auffallen, ignoriere sie. Die wird später ohnehin niemand bemerken. Wichtig: vergiss’ nicht, deinen Helden ab und an ohnmächtig werden zu lassen. Ohnmächtigkeit ist der beste Weg, ein neues Kapitel einzuläuten.

Schritt 4: Der Schreibstil


Wiederholungen sind deine neuen, besten Freunde! Meide sie nicht – fordere sie heraus! Schreibe von deinen vorausgegangenen Publikationen und vom vorherigen Kapitel ab! Das ist keine Schwäche, sondern kreative Freiheit und dein gutes Recht.

“Tell, don’t show”! Etwas ist unheimlich, hässlich oder schön? Fein: schreibe es genau so. Verliere keine Worte darüber und verbreite keine Atmosphäre. Wenn du gerade keine Ideen hast, nutze das Adjektiv “unbeschreiblich”. Das sagt schließlich schon alles aus. “Das Monster sah unbeschreiblich hässlich aus” – perfekt. Wichtig: wenn etwas geschieht, sage nicht genau, was. Schreibe: “Irgendetwas geschah….” Vergiss die geheimnisumwitterten Punkte dabei nicht.

Dialoge müssen nicht feinsinnig sein. Ein: “Ich?!” – “Du!” – “Wirklich ich?!” reicht vollkommen.

Schritt 5: Das Ende


Mach’ es bloß nicht zu überraschend. Das muss es schließlich nicht sein. Ende gut – alles gut lautet die Devise. Auch musst du am Ende nicht alles erklärt haben. Lass’ den Leser ruhig über logische Mängel rätseln.Lass’ es auch nicht zu ausschweifend werden, es kann ganz knapp gehalten werden. Ungefähr so wie der 5. Schritt hier. Und Ende gut.

 

Nichtsdestotrotz hat mich der gute Herr Hohlbein mit seiner Frau erst richtig in das  Fantasygenre eingeführt und mich zu den wirklich ernsthaften Schreibversuchen verführt. Vielen Dank dafür. Zu ein paar Büchern der Hohlbein-Familie greife ich auch noch immer gerne: 13, Unterland und Das Druidentor mag ich zB. wirklich gerne.

Meine Kinder würden Whiskas kaufen – ach Blödsinn – Hohlbeinbücher geschenkt bekommen.

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