1. 21. April 2015 | Veröffentlicht unter Comics, Comicvorstellungen.

    Kamala Khan ist die neue „Ms. Marvel“ – Bd. 1

    Von

    Genre: „Superhelden“
    Autor:
     G. Willow Wilson
    Illustrator:
    Adrian Alphona
    Erscheinungsform: 
    124 Seiten,  Softcover, Band 1 von ?
    Enthält: Ms. Marvel (2014) 1-5
    VerlagPanini Comics 
    Amazonlink Leseprobe


    Bis 2012 war sie Ms. Marvel: Carol Danvers, ein blondes, optisches All-American Girl. Dann, nach Mar-Vells a.k.a. Captain Marvels Tod übernahm sie dessen Superheldenidentität und der Name „Ms. Marvel“ schien Geschichte.

    Doch nicht für lange. Bereits Ende 2013 wurde bekannt, dass im Zuge des allgemeinen Umbruchs jemand Neues Ms. Marvels Nachfolge antreten würde. Die Wahl war ungewöhnlich und wurde kontrovers aufgenommen, passt jedoch hervorragend in die momentan herrschende Suche nach mehr Diversität: Kamala Khan, sechzehnjährige Tochter einer pakistanischen Einwandererfamilie. Ms. Marvel ist fortan eine Muslima mit eigener Heftreihe, die zum jetzigen Zeitpunkt bereits 15 amerikanische Ausgaben umfasst. Die ersten 5 Ausgaben hat Panini Comics nun in deutscher Übersetzung herausgegeben.

    Handlung

    Kamala wächst als Teenager zwischen den Welten auf: Als muslimische Amerikanerin steht sie zwischen zwei Stühlen, scheint zu keiner hundertprozentig zu gehören. Für ihre Familie ist sie nicht konservativ genug, während sie von ihren Mitschüler nicht selten mit Klischees beworfen wird, was in Teilen auch auf ihre geekigen Hobbies zurückzuführen ist. So schreibt sie Fan Fictions, spielt Rollenspiele und ist Fan der – in ihrer Welt schließlich auch real existierenden – Superhelden. Ihre Lieblingsheldin ist Captain Marvel. Und in genau die scheint sie sich während einer schiefgelaufenen Partynacht zu verwandeln.

    Dem zugrunde liegt das – bei Ms. Marvel nicht näher erläuterte –  Crossover „Infinity„. In dieser Heftreihe zündet Black Bolt eine Bombe, welche überall auf der Welt den Terrigen-Nebel freisetzt. Menschen, welche das Inhuman-Gen in sich tragen, bekommen durch den Kontakt mit dem Nebel Superkräfte. Von alldem weiß Kamala natürlich nichts und muss fortan, ähnlich wie einst Spiderman,  alleine zusehen, wie sie mit den neu erworbenen Kräften umzugehen hat. Und das ist im normalen Teenager-Alltag alles andere als einfach.

    Kritik

    ms marvelDie Aufmerksamkeit, die die neue Ms. Marvel bereits vor Veröffentlichung der ersten Ausgabe erfahren hat, kommt natürlich nicht von ungefähr. Zwar ist sie nicht die erste muslimische Superheldin (man beachte etwa Dust von den X-Men), doch die erste, die als Titelheldin fungieren darf. Wer hier nun einen klischeebeladenen,  harsch demonstrierenden Krampf erwartet, wird hier allerdings nicht fündig werden. Die Religion soll nur eine Facette Kamalas sein und nicht das, was sie alleine ausmacht. Zwar werden Erwartungen bedient – so werden die gläubigen Eltern strenger dargestellt und etwa die Essensgebote thematisiert – doch wirkt es nicht plakativ, sondern natürlich. Dass die Autorin G. Willow Wilson nicht nur vor einiger Zeit selbst zum Islam konvertiert ist und somit keine Außenstehende mehr ist, sondern auch einige Muslime und diverse Ansichten kennt, merkt man deutlich. Die Religion nimmt eine angenehme Nebenrolle ein und erdrückt den eigentlichen Plot nicht, sondern dient als Unterstützung des Charakters.

    Der steckt in einer Identitätskrise zwischen Freunden, Familie und den Kulturen. Die Verwandlung geschieht auf eigenen Wunsch hin, als sie, im wahrsten Sinne des Wortes benebelt, Captain Marvel, Captain America und Iron Man vor sich sieht. Kamala beteuert, Captain Marvel sein zu wollen. Beliebt, hübsch, das Böse bekämpfend. Angekommen in ihrer Welt. Der Wunsch wird prompt erfüllt, die drei nebulösen Gestalten verschwinden zurück im Nebel und lassen Kamala in Captain Marvels Gestalt inklusive Superkräften zurück. Aber ist das alles? Ist sie nur dann „super“, wenn sie eine lange blonde Mähne hat, die im Wind wehen kann und lange Beine, an denen sich sexy Overknees schmiegen? Ist es so erstrebenswert, tatsächlich jemand anderes zu sein und dafür seine eigene Identität zu verleugnen? Das zum Glück nicht, denn das wäre definitiv ein Schritt in die falsche Richtung. Sie ist zur Verwandlungskünstlerin geworden, kann Gliedmaßen, Körpergröße, die ganze Gestalt verändern. Die Captain Marvels ist lediglich temporär, auch wenn es sie zugegebenermaßen zunächst sehr reizt, in Gestalt des Vorbildes zu agieren. Dass sie letztlich sich selbst treu bleibt, ist obligatorisch.

    kamala khan unicornMit diesen Fähigkeiten weiß sie zunächst natürlich wenig anzufangen und hat in den ersten Ausgaben viel damit zu tun, zu trainieren. Wenn man die dilettantischen Versuche mit ihrem dezent bekifft anmutenden Freund wirklich „Training“ nennen darf. Wofür sie ihre Kräfte einsetzen will, ist jedoch sofort klar, denn das ist schließlich das, was sie nicht nur in ihren Fan Fictions bereits betreibt, sondern auch von ihren Eltern beigebracht bekommen hat: Hilfsbereitschaft, selbst wenn es heißt, sich selber zu gefährden, die Schwachen zu schützen und an das Allgemeinwohl zu denken. Wenn nicht jetzt, wann dann?

    In den ersten Einzelausgaben sind es kleine Rettungsaktionen, die zum Teil sogar schiefgehen. Keine Endbosse, wie man sie von den „Originalen“ gewöhnt ist. Der Fokus liegt noch auf Kamalas Person, ihrem Alltag und ihrer Art, mit der Verwandlung und der neuen Verantwortung umzugehen, dort hineinzuwachsen. In späteren Ausgaben, das hat die Autorin versprochen, wird es auch Interaktionen mit anderen Superhelden geben, die schließlich ebenfalls durch Jersey flattern. Dass aus dem pubertierenden Nerd in nicht allzu ferner Zukunft eine schlagkräftige Ms . Marvel werden wird, davon gehe ich stark aus!

    Fazit

    Die Story ist sehr kurzweilig und führt neben Kamala auch interessante Nebenfiguren ein, über die ich ebenfalls gerne mehr erfahren würde und die über ausgearbeitete Hintergrundgeschichten zu verfügen scheinen. Eine Feel good – Coming of Age – Superhero-Symbiose die echt cool ist, um mal tief in die Anglizismuskiste zu greifen. Sie ist an ein jugendliches Publikum gerichtet, doch ich denke, dass sich auch ältere Semester gut mit der neuen Ms. Marvel anfreunden können. Die Zeichnungen Adrian Alphonas runden das ganze gekonnt ab, bilden eine gute Mischung aus überzeichneten, humorvollen Passagen und rauer Federführung, der es an Dynamik nicht mangelt.

    Fotos: Panini Comics

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  2. 6 Kommentare

    1. Andreas Verchin via Facebook sagt:

      Schöner Artikel. Ich bin ja schon viele Jahre Ms. Marvel Fan und war begeistert, das diese zum Captain befördert wurde, auf der anderen Seite aber sehr skeptisch, weil nun ein Teenager diesen Titel übernehmen sollte. Allerdings ist das ausnehmend gut gelungen und ich habe alle erschienenen Comics mit der neuen Ms.Marvel gern gelesen.

    2. Mathias Tolksdorf via Facebook sagt:

      Ja, ich bin mal gespannt. Dass Marvel sich nicht scheut, Charaktere radikal umzugestalten, haben ja nicht zuletzt Nick Fury und Miles Morales im Ultimate Universe bewiesen. Was nun die Neuausrichtungen von drei der größten Namen Marvels angeht (Thor als Frau, ein farbiger Cap und eine pubertierende Muslima als Ms Marvel) zeigt wieder mal, dass in diesem Verlag scheinbar nichts in Stein gemeißelt ist. Ich persönlich bin sehr neugierig auf die neuen Charaktere, und freue mich über den frischen Wind, der damit einhergeht. Genau wie der Autor dieses gelungenen Artikels. :)

    3. Karo Kafka sagt:

      Schon als du es im pmdd-Video ausgepackt hast, habe ich es aus Interesse mal auf meinen Wunschzettel gemacht. Durch deine positiven Wörte möchte ich es jetzt umso mehr lesen. Wäre doch da nicht gerade dieses blöde Buchkaufverbot, das ich mir selbst gesetzt habe. Naja, aber danach dann! http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smile-huuugh.gif

    4. Die Autorin bedankt sich ;D
      Morales hatte ja auch teils massiven (medialen) Gegenwind und ist dennoch recht erfolgreich. Ich mag frischen Wind ;)

    5. Stephan Langenau via Facebook sagt:

      Recht spät oder? Die Serie ist doch schon fast ausgelaufen :D

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