1. 15. Januar 2016 | Veröffentlicht unter Bücher, Bücher schreiben.

    Gastbeitrag: Autor und Ausland

    Von

    Ein Gastbeitrag von Tina Skupin

    Und Elche.“
    Was?“ Ich starre mein Gegenüber verdattert an. Gerade haben wir darüber geredet, wie ich schreibe. „Laptop“ und „Kaffee“ hatten wir. Aber wie passen da Elche rein?
    Du hast doch gesagt, du wohnst in Schweden. Und da gibt’s doch Elche, oder?“, erklärt er jetzt.
    Ja, schon. Aber doch nicht beim Schreiben!“

    Ich weiß nicht, wie viele Gespräche dieser Art ich in den letzten Jahren geführt habe. Manche Leute scheinen zu glauben, ich sitze in einem Holzhaus mitten in der schwedischen Einöde mit See und einem Boot am Steg und schreibe, während draußen in einer Tour Elche am Fenster vorbeiziehen. Ach was! Ich wohne in einem Vorort von Stockholm, in einem supermodernen Viertel mit Zentralheizung und extraschnellem Internet – und ohne Elche! Aber heißt das, dass mein Leben als Autor ganz unberührt davon ist, dass ich im Ausland lebe? Absolut nicht!

    Jag heter – lost in translation

    Es beginnt mit der Sprache. Ich schreibe auf deutsch (mit einigen englischsprachigen Experimenten). Das ist meine Muttersprache, es ist die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken und artikulieren kann. Aber sobald ich meinen Schreibtisch verlasse, wird um mich herum eine andere Sprache gesprochen. Innerhalb von Sekunden muss ich umstellen, auf Schwedisch oder auch auf englisch. Am Anfang habe ich mich dabei jedes Mal gefühlt, als würde mein Hirn durch einen Korkenzieher gedreht. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Trotzdem merke ich es beim Schreiben. Ganz oft passiert es mir nämlich, dass mir für eine Szene oder für ein Gefühl der perfekte Ausdruck einfällt – auf schwedisch oder englisch, oder an ganz tollen Tagen auf spanisch. Aber auf deutsch? Nada!

    Dunkelheit, Eis und Fels

    Und das mit dem Korkenzieher trifft nicht nur die Sprache selbst. Im fremden Land ist nichts so, wie man es kennt. Sogar die Natur spielt verrückt. Der Wald hier besteht nicht aus Rotbuchen, so wie es richtig ist, sondern aus Nadelhölzern. Und überall liegen diese riesigen Steine rum! Und das Wetter erst!

    Ich ziehe im März nach Schweden. In Deutschland hat gerade der Frühling begonnen, am Flughafen von Stockholm erwartet mich mein Freund -und Schnee. Es schneit noch fast den gesamten Monat lang, bevor der Frühling sich endlich rantraut. Es ist kalt – aber wunderschön, und wenn das Eis im Sonnenlicht glitzert, glaubt man fast, die Elfen auf den Wegen tanzen zu sehen.

    Dann, endlich Frühling! Die Tage werden länger und länger, bis im Sommer die Nächte nur noch vier Stunden dauern, vier Stunden, während denen man den letzten Schimmer der Sonne hinter dem Horizont von Westen nach Osten wandern sehen kann, wo sie sich wieder erhebt. Um drei Uhr morgen ist es schon wieder taghell. Im Winter kehrt sich das um, Nachmittags um vier ist es stockdunkel. Ich habe davon gelesen, aber nichts kann die persönliche Erfahrung ersetzen. Wenn man um 2 Uhr Nachmittags das winzige Sonnenbällchen beobachtet, das gerade aufgegangen ist, und schon wieder zu verlöschen droht, dann versteht man, warum die Wikinger sich davor fürchteten, dass die Sonne eines Tages von einem Wolf gefressen würde und gar nicht mehr aufgeht.

    Ich kann euch eines sagen: nichts bereitet so auf das Schreiben von Fiktion vor, als wenn sich Sonne und Mond anders verhalten, als man es gewohnt ist!

    Auswandern heißt buchstäblich, sich über den eigenen Horizont zu bewegen. Und nichts erweitert den Horizont so sehr wie das Auswandern. Natürlich kann man sich einen Teil davon durch Reisen holen. Aber das ist nicht dasselbe. Die Ausgesetztheit und die Intensität ist eine ganz andere. Wenn man nie von zuhause weg war, ist alles, was man von zuhause kennt, das Normale. Und dann kommt man woanders hin und da werden Sachen komplett anders gemacht: In Deutschland holt man Katzen aus den Bäumen, in Schweden besoffene Elche. Die Schweden zelebrieren in Läden das Nummernziehen und Schlangestehen mit einem fast religiösem Ernst. Sonntags sind die Geschäfte geöffnet, aber in den Sommerferien ist Stockholm wie ausgestorben, weil jeder, wirklich jeder, Urlaub macht.* Eine andere Welt, ein anderes Leben, und fremde Menschen und Kulturen – in denen man sich bei näherem Hinsehen doch wiederfindet. Der Erfahrungsschatz, aus dem man als Autor schöpfen kann, wird durch das Leben im Ausland viel reicher und bunter.

    Natürlich hat das Leben im Ausland auch Schattenseiten. Ein Besuch auf den Messen ist eine halbe Weltreise, Autorentreffen in meiner Sprache kann ich eigentlich nur im Urlaub machen. Aber das ist alles nicht so schlimm. Denn eigentlich lebe ich gar nicht in einem fremden Land. Ich lebe in zweien.

    Zwei neue Welten

    Und das zweite, da befinden wir uns grade: das Internet.

    Es ist acht Uhr dreißig. Grad hab ich meine Tochter in die Dagis (Kindergarten) gebracht. Ich hole mir meinen Kaffee und schalte den Computer an: Eine Nachricht aus Österreich mit dem Lektorat für eine meiner Kurzgeschichten. Kommentare auf meinem Blog. Und Joe aus Luxemburg hat geschrieben. Wir haben früher in der gleichen Stadt gewohnt, bevor er nach Amsterdam und ich nach Stockholm ab bin. Dank Facebook haben wir den Kontakt seitdem gehalten. Ich beantworte die Nachrichten, lade mir das Lektorat runter. Dann mache ich noch eine schnelle Recherche zum Thema „Bauweise der Langboote aus der Wikingerära“ und spreche ein Mittagessentreffen ab, bevor ich das Wlan abschalte und mich an mein Schreiben mache.

    Das Internet ist für mich das allerwichtigste Werkzeug, und ich gehöre zu denen, die lieber auf ihr Dessert als auf ihr W-Lan verzichten würden. Über das Internet führe ich einen Großteil meiner Recherchen durch. Ich kommuniziere mit meinen Freunden und meinen Fans (mit allen 6). Die Guddy kenne ich aus dem Internet, ebenso wie einige Autoren. Ich könnte mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, vor den Zeiten des Internets ein Autor im Ausland gewesen zu sein.

    Allerdings… „bevor ich das Wlan abschalte und mich an mein Schreiben mache“… Viel zu oft mache ich das W-Lan nicht aus, und vergeude dann Stunden auf Facebook oder mit sinnlosen Kontroversen. Das sind die realen Gefahren dieser Welt, genauso wie „in einer Warteschlange erfrieren“ eine reale Gefahr in Schweden ist. Und deswegen werde ich mich im Sommer für eine Woche zurückziehen, zu einer Bekannten, die einen alten Bauernhof auf dem Land hat. Da kann ich dann schreiben und auf den See hinausblicken. Und wehe, es gibt keine Elche!

    *Eigentlich nicht „ausgestorben“, die Schweden werden nur gegen Touristen ausgetauscht. Wenn ich im Sommer in die Innenstadt fahre, spreche ich immer schwedisch. Dann freuen sich die Touris wie ein Schnitzel, dass sie einen echten Schweden gesehen haben).
    ** Ein Faktor, über den ich nicht geschrieben hab, der aber wahnsinnig wichtig für mich als Autor und Mutter ist: bezahlbare und exzellente Kindergärten, die nicht nur pädagogisch top sind, sondern deren Mitarbeiter nicht komplett überlastet sind und Zeit haben, richtig auf die Kinder einzugehen.

     


     

    1553-a493b681-largeTina Skupin, Jahrgang 1977, wuchs in Völklingen an der Saar auf. Nach einem Zwischenstopp in Halle lebt sie mittlerweile mit Partner und Töchterchen in Stockholm. Tina hat einen Doktortitel in Stadtökologie, ist ein Marvelgirl und Rollenspielerin. Außerdem hält sie die Absetzung von Firefly für eine der großen Tragödien unserer Zeit.
    Sie schreibt „Geschichten für Nerds“, vor allem Urban Fantasy und Science Fiction, außerdem alle anderen schönen komischen Unteruntergenres, die nicht bei drei auf dem nächsten Baum sind.

    Ihre Hobbys (für die nie genug Zeit bleiben) sind mittelalterliches Schwertfechten (Langschwert) klettern (trotz Höhenangst) und lesen (natürlich). Persönlich trifft man sie auf Twitter, Facebook, oder auf ihrem Blog (ich lebe wirklich im Internet).

    Dieser Gastartikel erscheint im Rahmen der „Wir schreiben“-Essaysammlung. Weitere Artikel zu diesem Thema können hier aufgerufen werden.

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  2. 6 Kommentare

    1. Anjani sagt:

      Das ist superspannend! Ich wäre auch gerne in Schweden oder Skandinavien ganz allgemein.
      Dass man daraus Inspirationen zieht kann ich mir gut vorstellen.
      Danke für deinen Beitrag!

    2. Hasenpower sagt:

      Toller Einblick, liebe Tina :)
      Ich kenne das in klein, wenn ich mal an den Bodensee fahre ^^

    3. Wolf Awert sagt:

      Ein Wort zu finden, das sich als optimal anfühlt, ist immer ein Gewinn. und doppelt so, wenn er aus einer anderen Sprache kommt, die ich einigermaßen gut beherrsche. Meist gibt es dafür kein deutsches Wort. Und jetzt lohnt es, das fremdsprachige Wort zu umkreisen, zu erkunden und nach einer optimalen Weise zu suchen, dessen Inhalt zu fassen. Das kostet Zeit, aber man lernt sehr viel dabei.

      • Tina sagt:

        Das hast du wunderbar ausgedrückt http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/pinkiehappy.png Ich finde es auch interessant, zu sehen, wie sich das Wort zusammensetzt, wo es herkommt, und welche Worte damit verwandt sind. Gerade Deutsch, schwedisch und englisch geben da drei sehr aufschlussreiche Facetten ab.

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