1. 15. Januar 2016 | Veröffentlicht unter Bücher, Bücher schreiben.

    Gastbeitrag: Weltenbau – Wer, wie, was, warum?

    Von

    Gastbeitrag von Monica Höfkes

    »Sag mal, warum schreibst du eigentlich nur so erfundenes Zeug? «

    Eine der häufigsten Fragen, die mir von anderen gestellt wird, ist sicherlich die, warum ich bitte schön Fantasy schreibe und nicht „was Richtiges“. Dann gibt es neben der, sehr emotionalen, dass auch Fantasy etwas „Richtiges“ ist, auch noch die Antwort, dass ich einfach gerne die absolute Kontrolle über das habe, was ich da schreibe. Und wie gelingt das besser, als wirklich alles meiner Phantasie entspringen zu lassen? Dazu gehört für mich in einem großen Maße auch das, was man so schön unter „Weltenbau“ zusammenfasst. Gleichzeitig ist dies sicher auch das, was man als Fantasy wahrnimmt: fremde Welten, Kulturen, Völker… Genau so stellt man sich Weltenbau vor. Ich erschaffe mir den Mikrokosmos, in dem meine Figuren agieren, aber eben ohne die Einschränkungen unserer eigenen Welt.

    Nimmt man es jedoch etwas genauer, lässt sich der Weltenbau nicht nur auf das phantastische Genre eingrenzen. Im Grunde ist doch jeder Autor fiktionaler Texte ein Weltenschöpfer. Da mag manches Werk noch so biographisch oder historisch begründet sein, ein Gutteil entspringt immer noch der Phantasie des Schreibenden. Und ob der Weltenbau immer so ausufernd sein muss, dass wir tatsächlich von eigenen Welten, Kontinenten oder Ländern sprechen können, bezweifle ich einfach ganz offen. Eine komplett erfundene Kleinstadt im amerikanischen mittleren Westen ist in meinen Augen nicht weniger Weltenbau, denn für mich wäre es immer noch eine komplett andere Welt, da ich noch nie in einer vergleichbaren Stadt war.

    Wann also beginnt der Weltenbau, wenn nicht schon im ganz Kleinen, mit einem Städtchen, dessen Straßen und Häuser nicht weniger mit Leben gefüllt werden wollen, als seinem Pendant in einer beliebigen mittelalterlichen Fantasywelt? Aber ich schreibe nicht über Kleinstädte im amerikanischen Mittelwesten, ich schreibe Fantasy. Darum darf ich mich ganz offiziell als Weltenbauerin, als Schöpferin bezeichnen. Tolle Sache, keine Frage.

    »Ist das nicht viel zu anstrengend, das alles ausdenken? «

    Welcher innere Drang treibt mich eigentlich dazu, nicht eine bereits gegebene Welt wie die unsere zu nutzen, sondern alles von Null an neu aufzubauen? Zum einen sind es sicherlich die Ideen, die sich in meinem vollgestopften Gehirn gegenseitig auf die Füße treten und die alle eine eigene ‚Location‘ verlangen. Zum anderen ist es meine Faszination für Landkarten. Bereits als Kind, noch im Vorschulalter, konnte ich mich stundenlang mit einem Atlas beschäftigen, auch wenn ich die Namen noch nicht lesen konnte (ich schleppte den Atlas einfach immer im Haus herum und fragte meine Eltern oder Großeltern) und ich überhaupt keine genaue Vorstellung hatte, was sich wirklich dahinter verbarg. Mein damals noch nicht vorhandenes Wissen sorgte aber dafür, daß ich mir einfach etwas ausdenken konnte. Ich reiste also mit dem Finger auf der Landkarte herum und dachte mir dann das meiner Meinung nach passende Land zu den jeweiligen Namen aus. Eine perfekte Grundlage für meinen heute betriebenen Weltenbau, schließlich mache ich im Grunde nichts Anderes. Meistens habe ich einen Namen, ohne jeden weiteren Kontext. Ich reise dann mit meiner Vorstellungskraft und finde heraus, welches Land, welche Stadt, welcher Kontinent oder gar welche Welt wohl damit verbunden ist.

    Da es sich bei mir in der Regel um das handelt, was man wohl als „klassische“ Fantasy bezeichnen mag, habe ich dann die Chance, komplett bei null anzufangen. Das bedeutet nicht, einen endlosen Prolog mit der Schöpfung der Welt zu schreiben, für mich beinhaltet es, eine Historie zu schaffen. Eine glaubwürdige, in sich stimmige Abfolge von Ereignissen, die zu genau der Welt geführt haben, die sich mir zum Zeitpunkt der Romanhandlung bietet. Meistens ergibt sich das bei mir erst nach einer längeren Zeit, wenn der Schreibprozess so weit vorangeschritten ist, dass ich den Punkt erreiche, an dem ich diese Historie brauche. Dann lege ich in der Regel eine Pause ein, in der ich mir über die Entwicklung klar werde, die verschiedenen Gesellschaften und ihre Strukturen festlege und dies alles dann zu einem Gesamtbild zusammenfüge, aus dem ich dann die für die Handlung benötigten Punkte herausfische.

    Man merkt also, der Weltenbau geht bei mir Hand in Hand mit dem eigentlichen Schreibprozess einher, ist ein Resultat aus dem, was mir der Plot vorgibt und was meine Vorstellungskraft hergibt. Darum ist für mich beides auch nicht voneinander zu trennen, beides greift ineinander wie zwei Zahnräder, die dann zusammen die Handlung antreiben und zu dem führen, was ich als meine Art des Schreibens definieren würde.

    Ich empfinde diesen ganzen Schaffensprozess auch nicht als anstrengend, oder gar ermüdend. Im Gegenteil, gerade die Entwicklung eigener Welten kurbelt meine kreative Energie noch einmal an und lässt mich so manches Mal über meinen eigenen Erfindungsreichtum staunen. Weltenbau für alle? Kür, Pflicht oder doch nur Nonsens? Gehen wir noch einmal weg von den Grenzen, die uns die Genres auferlegen. Was ist mit den Romanen eines Ken Follett, einer Rebecca Gablé? Historisch, weiß doch jeder. Aber waren die beiden im Mittelalter, der Renaissance oder anderen Epochen anwesend? Sind sie Zeitzeugen gewesen? Sicherlich nicht. Sie betreiben eine Mischung aus Recherche und Weltenbau, Tatsachen vermischen sich bei ihnen mit Fiktion. Sie füllen die Lücken, die wir in unserem Wissen über vergangene Epochen haben, mit ihrer eigenen Vorstellung von dem, wie diese Zeiten ausgesehen haben.

    Auch dies ist eine Form von Weltenbau, die Phantasie nimmt den Platz von Tatsachen ein, zu denen wir ja leider keinen Zugang mehr haben. Auch wenn die historische Forschung heute sehr viele Informationen zugänglich macht, gibt es immer noch viele Lücken, insbesondere, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen. Darum denke ich, es ist keine zu kühne Behauptung zu sagen, auch Autoren historischer Romane sind Weltenbauer.

    Warum das so ist, habe ich ja bereits ausgeführt, aber in Kurzform würde ich es so sagen: Wenn ich einer Handlung einen stimmigen Schauplatz geben will, benötigt es mehr, als ein paar exotischer Namen und Versatzstücke aus historischen Epochen. Es braucht eine lebendige, dreidimensionale Welt, in der die Figuren glaubhaft agieren und nicht wie Abziehbilder vor einem flachen Brett, auf das man lieblos einige möglichst interessant klingende Details ohne jeden Zusammenhang geklatscht hat. Und all das beinhaltet einfach guten Weltenbau.

    Guter Weltenbau kann also auch die Qualität eines Werkes ausmachen, ist gerade in der klassischen Fantasy nicht nur ein Markenzeichen, sondern eine Grundlage, ohne die kaum ein guter Roman funktionieren würde. Man kann hier einen Schwenk zu einem anderen Medium machen, in dem guter Weltenbau wichtig für das Eintauchen in die Handlung und die Identifikation mit dem eigenen Charakter ist. Ich spreche von Videospielen, genauer, Rollenspielen. Hier klappt die Immersion nur, wenn mir nicht nur ein paar Aufgaben gestellt werden, sondern mir nebenbei auch noch etwas über die Welt vermittelt wird. Ich brauche andere Charaktere, die mir weiterhelfen, mir in die Quere kommen oder einfach nur malerisch in der Gegend herumstehen. Ihre Geschichten müssen mir einen Grund geben, ihnen helfen zu wollen, mich irgendwie auf eine Art berühren, die mir das Gefühl gibt, etwas bewirken zu müssen. Ohne das bewegt man sich durch eine leblose Kulisse, bleibt der unbeteiligte Zuschauer.

    Genau so geht es mir aber auch mit Romanen. Da ist es ziemlich egal, ob es sich um Fantasy, einen Krimi, Historisches oder sogenannte Gegenwartsliteratur handelt. Hier kommen wir wieder bei meiner Behauptung an, jeder Roman würde in gewissem Maße Weltenbau beinhalten. Ein fiktionales Werk wird in niemals die Wirklichkeit eins zu eins abbilden, will es ja in der Regel auch nicht. Statt dessen halten wir der Wirklichkeit einen Spiegel vor, der manchmal etwas unscharf ist oder ein verzerrtes Bild zurück wirft. Damit wird aber auch deutlich, dass es sich nicht mehr um die tatsächliche Wirklichkeit handelt, sondern eine durch das Denken des Autors gefilterte. Meistens passiert das ganz automatisch, manchmal auch absichtlich. Kein Autor kann es sich erlauben, die Realität ohne diesen Filter wiederzugeben, man könnte sich vor Klagen wohl kaum retten. Man beginnt also zu verfremden, hier eine Person, dort eine Stadt, gelegentlich einen ganzen Landstrich. Manchmal ist es den Autoren selbst nicht bewusst, aber in dem Moment, in dem sie die Realität verlassen, sich in Konstrukten ihrer Imagination bewegen, beginnt der Weltenbau.

    Als Kernfrage könnte man formulieren, ob der Weltenbau nun Kür oder Pflicht für Autoren ist. Oder vielleicht doch nur ein lästiges Nebenprodukt der viel wichtigeren Handlungsebene, ein Nonsens, den man auch beiläufig unter den Tisch fallen lassen kann. Vielleicht lässt sich das gar nicht pauschal beantworten, aber ich würde zumindest behaupten, als Autor phantastischer Literatur kommt man kaum daran vorbei.

    Im Fazit möchte ich also festhalten: der Weltenbau muss raus aus der Kuriositätenecke, in die er durch lange Jahre des Schubladendenkens gerutscht ist. Als Autorin sage ich „Ja“ zum Weltenbau, begreife ihn als eine Erweiterung meiner Möglichkeiten, als weitere Grundlage meiner schreiberischen Tätigkeit. Hierbei spielt es auch keine Rolle, in welchem Genre ich mich bewege, so wie dies auch für andere schriftstellerische Grundlage irrelevant ist. Niemand würde die Heldenreise nur auf die Phantastik beschränken wollen, also lasst uns dies auch nicht mit dem Weltenbau tun.

    Wir sind Autoren, wir sind Schöpfer, Weltenbauer.

     


     1553-a493b681-largeMonica Höfkes, Jahrgang 1973, liebt Phantastik in all ihren Ausprägungen. Sie liest sich zwar quer durch alle Genre, bewegt sich aber als Autorin bevorzugt in den Gefilden der Fantasy, besonders in der epischen Variante. Veröffentlich hat sie bis heute nichts, was zu einem nicht geringen Teil an ihrem Hang zum Überarbeiten liegt – und am ausufernden Weltenbau, dem sie sich mit Hingabe widmet. Sie ist ein Gründungsmitglied des Tintenzirkels, einer Internetcommunity für Fantasyautoren und bastelt auch immer wieder an eigenen Webseiten, die momentan aber zugunsten des Schreibens brach liegen.

    Weiterführende LinksTintenzirkel

    Dieser Gastartikel erscheint im Rahmen der „Wir schreiben“-Essaysammlung. Weitere Artikel zu diesem Thema können hier aufgerufen werden.

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  2. 2 Kommentare

    1. Anjani sagt:

      Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
      ich bin selber eine Weltenbauerin von ganzem Herzen und finde es schön, wenn man merkt, dass sich der Autor Gedanken über seine Welt gemacht hat. Wenn er ganz viele Feinheiten eingebaut hat und in der Welt eingetaucht ist.
      Richtige Weltenbauer muss es immer geben!

    2. Wolf Awert sagt:

      Ich sehe es ähnlich wie Du. Nur in einem Punkt ist es bei mir etwas anders. Meine Welt muss fast fertig sein, bevor ich anfangen kann zu schreiben, ja sogar meine Figuren auszuarbeiten. Aber wenn die Welt steht, ist der halbe Roman fertig

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