1. 20. März 2016 | Veröffentlicht unter Bücher, Buchmesse, Buchmesse '16, Messen&Conventions.

    Impressionen von der Leipziger Buchmesse ’16

    Von

    Frisch aus dem ICE geplumpst mache ich mich am Donnerstagnachmittag mit dem gefühlt 100kg schweren Gepäck auf zur Buchmesse. Was ich erwarte: Teeschlürfende Intellektuelle, die sich auf kaum verständlichem Sprachniveau über die feinsten Geister der literarischen Welt unterhalten, tiefenentspannte Besucher, die lesend durch die Gänge schlurfen und Bücher, Bücher, Bücher. Und glaubt mir – da ich die gamescom, die ich übrigens sehr mag, gewohnt bin wirkt die Buchmesse die meisten Zeit auch genau so auf mich. Obwohl ich der Fairness halber auch erwähnen muss, dass das alles eine Frage der Relation ist.

    Doch zuerst komme ich in Halle 1 an, der Mangahölle. Es ist dieser eine Moment – mein Fuß tritt über die Schwelle hinein in eine Lache aus vergossenen Mangamädchentränen und meine Ohren versinken im zarten Dummdumm des verkaufsfördernden Basses – der mich zweifeln lässt. Bin ich hier richtig? Oder doch versehentlich durch Zeit und Raum zur RPC gereist? Ich blicke auf einen penetranten Reigen aus Verkaufsständen: Manga, Figuren, Shirts, wohin das Auge reicht. Irgendwo, so weiß oder vielmehr ahne ich, müssen sie doch sein, die Bücher. Oder zumindest Comics! Ich hieve meine alternde Seele zum Stand mit den Splittercomics und lade meinen piepsenden, von der ewigen Zugfahrt gebeutelten Akku auf, indem ich mich am Blut und Gedärm der gezeichneten Comicseiten ergötze. Dort treffe ich auf einen kleinen Jungen, vielleicht 8 oder 9, der konzentriert in einem Elfquestband blättert. Ich bin schier begeistert und frage ihn, ob ihm Elfquest gefällt. Ich hätte nicht fragen sollen.

    Frei nach „Junge den ich vergessen habe nach dem Namen zu fragen“(~8): „Ne, ich finde das irgendwie doof. Da sind ja gar keine Farben drin und alles ist nur schwarz weiß. Die reden die ganze Zeit auch nur. Ich warte eigentlich nur auf meine Mama. Außerdem ist das Mädchenkram und Elfen sind zu kindisch.“

    Federica de CescoKindischer Mädchenkram?! Empört blättere ich vor zu den Seiten, in denen sich die Elfen nach einer exzessiven Partnertausch-Sexorgie bald blutend im Schnee wiederfinden – doch der Blick seiner Mutter lässt mich mitten im Blättern innehalten und den unschuldig pfeifenden Rückzug antreten. Nein, ich bin nicht hier, um die arme Jugend zu verderben! Zumindest nicht, wenn die Eltern daneben stehen. An halbherzig verkleideten Leuten vorbei falle ich geradewegs in ein schwarzes Sofa, das mich wie eine Sirene zu locken weiß. Das wiederum war unverschämtes Glück, denn der kleine Ort entpuppte sich als Lesebühne. Nächster Gast: Federica de Cesco. Ich wiederhole: Federica de Cesco! „Wüstenmond“! „Malika und das weisse Mehari. Ein Märchen aus der Sahar“! „Samira“! …

    Nein? Gut, dann doch noch kurz erläutert: Federica de Cesco ist, neben Käthe Recheis und Astrid Lindgren, meine persönliche Jugendbuchheldin. Ihre Bücher, in die sie viele Impressionen ihrer eigenen Weltreisen miteinfließen lässt,habe ich als Kind und Teenagerin verschlungen! Hier nun, inmitten der schrillbunten Manga- und Comicconvention, ausgerechnet hier liest sie aus ihrem Buch „Die neunte Sonne„. Ein Roman über den ersten Weltkrieg in und um Japan, der Japan und Deutschland miteinander verknüpft. Deplatziert in dieser Halle? Ich finde schon. Und genau das gibt sie nach der Lesung auch zu: Man müsse bei der Wahl der Szene das Publikum beachten, weshalb eine gewählt worden war, die nicht ganz dem Geist des Buches entspricht.Sehr schade. Ein kurzes, begeistertes Telefonat mit meiner Mutter, von der ich diese Autorenliebe vererbt bekam, und ich kämpfte mich durch in das Labyrinth der Bücher.

    Frei nach Messebesucher 6429 (~12): „Hihi guckt mal, da ist ein Mann, der sich als Prinzessin verkleidet hat!“ [Anm.: Es war ein Saiunkoku Monogatari-Cosplay eines männlichen Charakters.]

    In den übrigen Hallen herrscht der Mono- und Dialog, der auf den kleinen Lesebühnen gehalten wird. Lesungen und Diskussionen finden sich hier, zu denen zumeist kleine, selten auch große Scharen an Zuhörern herbei geströmt kommen. Es ist ruhiger als auf den einschlägigen Geek-Messen, aus den Lautsprechern dröhnt keine Musik sondern plätschert das gesprochene Wort, das fast von dem Geblätter der Umstehenden übertönt wird. Wohlgemerkt: Wir befinden uns hier in einem Messen-Donnerstag. Bald treffe ich auf ein paar liebe Menschen aus meinem Stammautorenforum und – hier blenden wir aus. Der weitere Tag, der den literarischen Höhepunkt einer Lesung Christian von Aster trägt, wird bestimmt von Schnaps, Cards against Humanity, Hugo und eher weniger geistigen Hochgenüssen. Aber ihr lest dies hier ja auch auf meinem Blog. Die Höhepunkte sehen hier ohnehin anders aus und haben selten noch einen IQ zu bieten. Gerüchteweise hängt das mit dem Intalekth der Autorin zusammen.

    Frei nach Markus, (31): „Bei den Fachbesuchern geht eh nur alles um das Feiern und die Partys am Abend.“ [Anm.: Ich bin keine Fachbesucherin! Ha! Bei mir geht es um.. äh ja.]

    OrkDer Messefreitag wird mit viel zu wenig Schlaf bestritten und bei mir beherrscht von Verlagsterminen. Mit vielen netten Verlagsleuten und Autoren plaudere ich über ihre Programme oder eigenen Werke, lasse mir ihre erlesensten Stücke zeigen [All das wird in einzelnen Artikeln näher besprochen werden.] und bekomme hier und dort den Eindruck, es könne tatsächlich um die Inhalte gehen. Goodies gibt es keine, ebenso wenig wie aufgeregte Gockel umher hüpfende Presseleute oder Blogger. Letztere trifft man bevorzugt in der Blogger Lounge in Halle 5, wo sie Kaffee und Tee schlürfen. Von dem zugehörigen Bloggertreffen hatte ich mir im Vorfeld etwas mehr erhofft. Vielleicht, dass man sich über die Messe und die dargebotenen Bücher unterhält? Immerhin: Ich als Neuling der Buchbloggerszene weiß bald alles über Visitenkarten, Aufrufzahlen und Blogthemen der Umstehenden. Als die Rede auf den scheinbar meistgehasstesten Buchblog kommt, entfleuche ich jedoch wieder. Ich bilde mir lieber selber eine Meinung über mir Unbekannte.

    Immer wieder tanke ich ein wenig Ruhe bei den Forumsleuten, von denen mich eine bereits „unter Speed oder auf Drogen“ genannt hat. Stimmt, denn solch ein Messetag bedeutet für mich positiver Stress, sodass ich am Samstag auch schon dezent fertig bin. Zu wenig Schlaf bei zu vielen Terminen und definitiv zu überfüllten Hallen und Gängen (Besucherrekord btw.: 260.000 Besucher, sprich 9.000 mehr als im Vorjahr), die nun tatsächlich an die gamescom erinnern, wenngleich der Altersdurchschnitt deutlich höher und der Kreischpegel deutlich niedriger ist. Gut. Es sei denn, man befindet sich in der Mangahalle.

    Am Mittwochabend wird es bei der Eröffnung mit „Für das Wort und die Freiheit“-Parolen auf schwarzem Pappgrund bereits eingeläutet: Die Buchmesse will nicht nur der schnöden Unterhaltung dienen, hier geht es auch um Haltung, Politik und Werte. Ob in Dankesreden, Podiumsdiskussionen oder im direkten Protest gegen vereinzelte, als braun geltende Verlage: Es geht auch um die Flüchtlingskrise, um Hass und Gewalt, um Toleranz und das Miteinander.

    Auf der Messe geben sich Leser, Autoren, Verlagsmenschen und unbeteiligte Mitgereiste die Klinke in die Hand, es wird engagiert diskutiert, begeistert zugehört, gelacht und Kontakte geknüpft. Dafür sind Messen da, dafür lieben wir sie. Auf jeden Fall war die Leipziger Buchmesse auf vielen Ebenen eine Bereicherung für mich und sie wird definitiv nicht meine letzte gewesen sein!

    Was bleibt?

    • viele spannende Eindrücke
    • ein Kreativ-Schub
    • Die Meinung, dass die Mangaconvention gerne woanders sein darf. Zum Beispiel in Krefeld. Also weit weg von der Buchmesse. Ja, ich mache mich unbeliebt.
    • viele, viele tolle Kontakte
    • … ich muss jetzt weiter an meinem Manuskript arbeiten. Sofort!

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  2. 15 Kommentare

    1. Ich wäre auch soo gerne auf der Buchmesse gewesen. Hat leider dieses Jahr nicht geklappt. :c Aber sehr schön geschrieben. :) Ich glaub sofort, dass einem das einen Kreativschub bringt. Viel Glück noch bei deinen Schreibprojekten. Ich freu mich schon auf „Das Flüstern“. ^o^

    2. Domi sagt:

      Wie jedes Jahr wieder ein Sensationelles Wocheende….. :-)

    3. Klingt gut! Abgesehen von Partnertauschsexorgien, die du an den Jungen zu bringen versuchst. Denk doch mal an die Kinder! :P

      Wie viele Bücher hast du mitgenommen? :D
      Ich befürchte, wenn ich mich je auf ne Buchmesse verirre, brauch ich einen Lkw für die Heimfahrt. XD

      • Zeitzeugin Guddy sagt:

        Gar keine!
        Also, nicht direkt von der Buchmesse, aber eine Freundin hat mir zwei mitgegeben, die ich noch lesen wollte. Hat aber nichts mit der Messe an sich zu tun.Muss erstmal den SUB abarbeiten, dafür habe ich aber leider zu wenig Zeit. :/

    4. Silvia sagt:

      *hihi* Noch so ein Tintenzirkler, der auch Elfquest kennt? Hab Deinen Beitrag mal grinsend in der entsprechenden Facebookgruppe geteilt. ;-)

    5. Nemeryll sagt:

      Schön war’s, auch wenn ich jedes Jahr wieder bereue, die Messe am überfüllten Samstag zu besuchen. Vielleicht schaff ich es nächstes Jahr auch zu einem Freitag. Aber für mich ist die Messe und die Veranstaltungen in der ganzen Stadt Jahr für Jahr ein Highlight.

      • Zeitzeugin Guddy sagt:

        Der Samstag war ECHT hart… und wenn man eh übermüdet ist, ist er die Hölle! ;D
        Vielleicht schaffst du es ja auch zur gamescom http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/pinkiecrazy.png

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