1. 16. Oktober 2016 | Veröffentlicht unter Diverser Geekkram, Dreckiger Rest.

    Cosplay verpflichtet?

    Von

    Wisst ihr, ich verstehe nicht sonderlich viel von Cosplay. Sicher, einst war ich als Leonardo von den Teenage Mutant Ninja Turtles unterwegs, habe mich zu einem Comic von Garth Ennis „aufgehübscht“ und bepinsle derzeit meinen Baseballschläger liebevoll, damit er bald zu einer allseits beliebten und doch so verkannten DC-Figur passen möge. Doch davon, tatsächlich ein ernst zu nehmender Cosplayer zu sein, bin ich meilenweit entfernt. Vielleicht ist das auch gut so. Denn scheinbar betritt man als Cosplayer die Welt der erzwungenen Kindesbespaßung, die bei Nichtteilnahme die absolute Ächtung seitens der Gesellschaft nach sich zieht. Unter uns gefragt: Soll das so?

    Gestern sah ich auf einer Fanpage zu Doctor Who folgendes Statement, das mich ein wenig empört, aber doch zumindest ratlos zurückgelassen hat:

    grgrgr

    Kurzum: Wenn du als Cosplay ausgerechnet eine Disneyprinzesin auserkürst, so hast du dich in eben jenem Kostüm Kindern gegenüber gefälligst „in character“ zu verhalten und überfreundlich zu sein! Denn, so spricht es Waka, das Gesetz, denkt jedes Kind automatisch, dass bspw. Elsa höchstselbst vor ihm stünde. Wie furchtbar wäre es, wenn Elsa plötzlich charakteruntypisch agieren würde! Eine Welt würde unter dem armen Kind zusammenbrechen, das fortan zeitlebens traumatisiert sein Dasein fristen müsste!

    Natürlich: Man sollte sich, ganz egal, ob man nun in einem Prinzessinnenkleid oder einem Kartoffelsack unterwegs ist, klar darüber sein, welche Wirkung man auf andere erzielt. Auch Goths werden wissen, dass sie entsprechend wahrgenommen werden und es Leute geben wird, die einen auf die Aufmachung ansprechen. Aber: Unterschreibt man als Cosplayer einen Pakt? Muss man sich so oder so verhalten? Wir erinnern uns: Wir reden noch immer über ein persönliches Hobby und nicht über den nicht näher spezifizierten Beruf des Kinderbespaßers.

    Tauchen wir vielleicht noch in die Kommentarsektion des Bildes ein:

     

    „She is not a cosplayer. Anyone who actually goes to an event knows if you don’t want people to come up and talk to you. DON’T DRESS UP. It is a unspoken rule that if you do people can come up and talk to you about said costume.“

    oder

    „If you go in public in the costume of a well known childrens character, then you must be willing to interact with people. (…)  A child doesnt understand that you are a person playing dress up, all a child will wonder is why their hero, their friend in some ways, doesnt want to talk to them. It is upsetting for them. When you dress in public that way you are accepting that role, if youre not prepared for that then dress as something else.“

    oder

    „No, you are not obligated to stay in character and spare a few moments of kindness to an impressionable young child, nor are you obligated to show the people you encounter some basic decency and courtesy. But please don’t fool yourself… admit then that you are an asshole; you are a shitty human being, a piece of garbage, that you have zero compunction against crushing a child’s dreams and innocence because you are an anti-social narcissistic dolt who can’t take 2 seconds in your busy life to give a little bit of joy into an otherwise cruel world. And don’t be surprised when people treat you like a shitty piece of garbage because you get back what you give out to the world. This has nothing to do with whether or not you like kids, or that it’s not your job to entertain someone else’s kids… this is just basic empathy. Don’t like it? Dress up at home and don’t venture outside.“

    Um es mal mit meinen eigenen, profanen und infantilen Worten zu sagen: „Hömma, geht’s noch?!“ Man ist also „Müll“ und ein „Arschloch“, wenn man sich nicht kinder- oder elternkonform verhält? Geht es hier noch um Cosplay oder reden wir schon über Menschen, die gegen Geld auf Kindergeburtstage und auf Events gehen um sich mit den Kindern zu unterhalten?

    Ich finde es wunderbar, dass es Menschen gibt, die Freude am Verkleiden haben und sich so auch anderen zeigen. Das gibt anderen jedoch nicht das Recht, bestimmen zu dürfen, inwieweit man sich sonstwo involvieren muss. Gerade in Zeiten wie diesen, wo sich zu Recht um die eigene Freiheit und Selbstbestimmung auch und selbst von Cosplayern bemüht wird. „Fotografiert mich – wenn ich nichts dagegen habe.“ „Fasst mich nicht an – ich bin kein Ausstellungsstück.“

    Selbstredend ist es toll, sympathisch und vielleicht auch ein Stück bewundernswert, wenn man in der jeweiligen Rolle aufgehen und frei mit der Umwelt interagieren kann. Es ist jedoch nicht jeder eine Rampensau oder schauspielerisch begabt, auch möchte nicht jeder zum Alleinunterhalter mutieren. Jeder darf ein Cosplayer sein: Dicke, Dünne, Große, Kleine – warum dann nicht auch Introvertierte, Nichtgernebespaßer? Ferner kann und darf man das Hobby Cosplay aus vielerlei Gründen heraus betreiben: Etwa, weil man Kostüme oder die Figur liebt, gerne bastelt, sich gerne unter seinesgleichen gesellt – und selbstverständlich auch, wenn man andere Leute und auch Kinder unterhalten möchte und/oder damit keinerlei Problem hat.

    Aber man sollte doch bitte endlich mal damit aufhören, zu denken, dass die eigene Vorstellung von „Cosplay“ die einzig wahre ist. Lasst die Leute ihr Geekhobby doch so ausleben, wie sie wollen. Sie sind nicht dafür da, euch das Leben so großartig wie möglich zu machen. Das ist „nur“ ein toller Nebeneffekt.

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  2. 7 Kommentare

    1. Dod sagt:

      Aber sollte Cosplay nicht auch daraus bestehen, sich rollenkonform zu verhalten? Oder ist es wirklich nur Fasching für Nerds? Einem Voldemort-Cosplayer wird auch niemand gratulieren wenn er Luftballon-Giraffen bastelt und (unvergiftete) Bonbons verteilt. Da fühlt sich doch das Cosplay automatisch falsch an oder nicht? Wenn sich Elsa verhält wie Voldemort und anders herum, dann ist das Cosplay kaputt.

      Oder anders: Wenn einem ein kleines Kind ein Spielzeugtelefon hinhält, dann telefoniert man damit. Keine Ausrede ;) . Es sei denn, man ist Voldemort!

    2. moep0r sagt:

      Naja, ist es nicht so, dass das Play in Cosplay schon irgendwie definiert, dass meine Rolle spielt?
      Neben dieser Kleinkarriertheit finde ich es in dem oben genannten Beispiel schon seltsam, dass sie als Disneyprinzessin verkleidet in einen Disneyladen geht, dort aber nicht als Disneyprinzessin agieren will, wenn sie von Fans der Figur angesprochen wird, die sie verkörpert.
      Ich wüsste auch nicht, wieso man sich ein Kostüm baut und trägt, wenn man die verkörperte Gestalt nicht cool findet und als diese wahrgenommen werden will. ¯\_(ツ)_/¯

      Grundsätzlich kommt es einfach auf den Kontext an in dem man sich befindet denke ich. Auf einer Geekmesse hat man einfach anderes Publikum als in einem Disneystore. Aber gewisse soziale Skills sollte man einfach mitbringen wenn man unter Menschen geht. Egal ob man sich verkleidet oder nicht.

      • Phinphin sagt:

        Ja, das sehe ich auch so. Mal ganz davon abgesehen, dass ich den Aufruf weniger so verstanden habe, dass man sich als Cosplayer prinzipiell für andere zum Affen machen soll, sondern eher so, dass man auch als Cosplayer auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen sollte.

        Ich halte es doof, die ganze Zeit IC sein zu müssen, bloß weil man ein Kostüm trägt. Ich halte es aber auch für ziemlich dämlich als Cosplayer in einem Kostüm in der Öffentlichkeit rumzurennen und zu erwarten, dass sich die Leute von einem fern zu halten haben, anstatt Interesse zu bekunden.

    3. Holden sagt:

      Ich habe schon vor längerem mal die „Regel“ gehört, dass man kein echter Cosplayer ist, es sei denn, man bleibt die ganze Zeit „in character“, solange man das Kostüm trägt. Aber das scheint wieder so eine von diesen Regeln zu sein, die von Snobs erschaffen wurde, denen jedes Mittel recht ist, um sich von Anfängern abzuheben und ihnen jeden Spaß am Hobby zu versauern.

      Aber auch wenn ich glaube, dass das Cos wichtiger ist als das Play, sollte man schon einen gewissen Verhaltenskodex haben. Die Frau aus dem obengenannten Fall hätte jetzt nicht gleich „Let It Go“ anstimmen müssen, aber zumindest ein paar freundliche Worte, egal ob im Charakter oder als man selbst, sind da schon das Mindeste. Wer nur die stille Bewunderung Anderer haben will, während man in einem extravaganten Outfit steckt, soll gefälligst Domina werden und sich gegen Bezahlung die Stiefel lecken lassen.

    4. Frostbrynger sagt:

      Ich bin froh, dass Guddy dieses leidige Thema anspricht. Leider musste ich selbst viele Fälle erleben, wo Cosplayer mit Kinderanimateuren verwechselt werden. Besonders schlimm ist es, wenn Eltern denken das sie das Recht haben, Ihre Kinder bei den Cosplayern zu parken.

      Jedoch hat man die Situation, dass Cosplay für viele eine Form der Realitätsflucht ist. Viele investieren viel Zeit in ihr Hobby, damit sie eben nicht mit anderen Menschen interagieren müssen. Und wenn am Ende ein schönes Kostüm herauskommt, dann gibt es oft gewaltigen sozialen Druck, dass auch irgendwie in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und das kann böse ins Auge gehen. Obwohl ich mich weigere es als schlechte Idee zu sehen. Es ist durchaus gut, wenn introvertierte Leute zumindest manchmal die Möglichkeit haben neue Leute kennenlernen zu können. Aber mit Kinderbetreuung sind solche Leute natürlich überfordert.

      Natürlich gibt es auch die „Attention Whores“, welche in der Menschenmenge regelrecht aufgehen. Und die auch wissen, wie man Kinder umgeht. Und diese gegebenenfalls freundlich aber bestimmt abwimmelt. Aber so etwas sollte man nie als gegeben voraussetzen.

    5. Michel sagt:

      „Regel“ ist natürlich absurd.

      Trotzdem kann ich einen gewissen Grundtenor nachvollziehen. Wenn man sich als Charakter eines Kinderfilms oder einer Kinderserie verkleidet *und* sich so in die Anwesenheit von Kindern begibt, finde ich es schon seltsam, wenn man *grundsätzlich* die Interaktion mit Kindern verweigert.

      Allerdings käme es mir nicht in den Sinn, aus einer einzelnen Beobachtung einen Charakter derart zu beschreiben, wie im Artikel teilweise angedeutet. Oder ein grundsätzliche (einklagbare?) Verpflichtung zu sehen. Vielleicht hat man gerade erst den Kindergeburtstag bespaßt und will jetzt gerade nicht. Das ist ok. Vielleicht will man auch einfach so gerade jetzt nicht. Das ist ok.

      Vielleicht zieht folgender Vergleich: Stell Dir vor, Du verkleidest Dich in der Adventszeit als Weihnachtsmann, gehst in ein Einkaufszentrum, kaufst ein, und gehst wieder. Alle Kinder vollständig ignorierend. Fände ich schon ganz schön fragwürdig…

    6. Gamer Timo sagt:

      Also ich finde Cosplay an sich ne tolle Sache. Hab selber ein paar Freunde aus der Szene. Man merkt wirklich dass sie viel Spaß dabei haben. Ist doch toll, mal aus dem öden, grauen Alltag zu fliehen und die Figur zu sein, die man gerne sein möchte ^^

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