Sei wie du bist! Es sei denn, du bist anders. Dann werde wie wir.

Der Wunsch, sich nicht verstellen zu müssen, akzeptiert zu werden wie man ist und sich selbst verwirklichen zu können steht beim Menschen verständlicherweise hoch im Kurs. Die Vielfalt zu zelebrieren statt Individuen für ihre Andersartigkeit zu diffamieren, man selbst sein zu können, ohne dafür schief angesehen zu werden. Natürlich geht es auch mir so. Natürlich möchte ich so akzeptiert werden, wie ich bin. Nicht, dass ich so unfassbar anders wäre als die breite Masse. Und doch fühle ich mich fremd in dieser Gesellschaft.

Zu mir selbst gekommen bin ich erst in den letzten ein oder zwei Jahren. Jetzt, mit über dreißig, fühle ich mich zum ersten Mal annähernd wie ich selber. Es war eine Schlacht. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen ich auf der weiterführenden Schule gemobbt wurde. Nicht nur durch den frühen Tod meines Vaters war ich anders; vielleicht charakterlich reifer, auf jeden Fall aber wusste ich, was ich will – und vor allen Dingen, was nicht. Im Abseits zu stehen hat mich rückblickend gestärkt, mir früh gezeigt, dass es kein endgültiger Abgrund ist, nicht von jedem gemocht zu werden. Nicht die Hobbies zu haben oder Dinge zu tun wie der Rest der Klasse.

Dass ich anders denke als es die Gesellschaft vorschreibt sieht man mir nicht an. Ich trage keinen fancy Iro, habe nicht drölfzigtausend Tattoos und kleide mich einfach so, wie ich es geil finde: Weder im Trend, noch völlig abseits dessen. Meine Hülle ist weniger extravagant als meine Einstellung zum Leben. Zum Glücklichsein. Das Leben in all seinen Facetten zu spüren, zu lieben und geliebt zu werden, erleben – das war und ist mir wichtiger als ein fester Job. Mehr noch: Die Vorstellung, mein Leben lang an einem Job zu kleben, macht mir fast Angst.

Eine Zeitlang war ich angewidert von der Gleichschaltung meiner Umgebung.
Abschluss – Uni/Ausbildung – Haus – Kinder – reguläre Arbeit – Tod.
Dass mich dieser Lebensentwurf angeekelt hat war keine charakterliche Glanzleistung von mir. Wahrscheinlich war dieses Gefühl eine Art Trotzreaktion von mir. „Du verurteilst mein Leben? Pf, als ob deines so besser wäre, du langweiliger Spießer!“ Ich führte einen innerlichen Krieg gegen „die Normalen“, „die Anderen“.

Was ein Bullshit.

 

Natürlich bin ich momentan im Reinen mit mir. Ich habe es akzeptiert, dass mein Lebensentwurf nicht in die Welt meines Nächsten passt. Nicht passen muss. Dass ich schräg und oft von oben herab angesehen werde. Ich, die gerne verschiedene Jobs kennengelernt hat und noch kennenlernen wird, die keine Kinder möchte und aus voller Überzeugung einen Mann geheiratet hat, den sie noch nicht seit Ewigkeiten kannte. Und das ist gut so. Das ist mein Leben. Witzig, wie viele mir sogar teilweise fast Fremde darüber urteilen wollten. Darüber, dass ich nach der Ausbildung lieber mein Abitur nachgeholt habe anstatt weiter zu arbeiten. Darüber, dass ich danach Brotloses studiert habe. Darüber, dass ich nicht den gesellschaftlich festgesetzten Mindestzeitraum abgewartet habe, bis ich „Ja!“ gesagt habe. Mir sagten, dass dieses oder jenes nicht klappen kann. „Man macht das nicht so“.

Mir ist es egal, was „man“ macht. Hier lebe ich. Und solange man niemandem schadet, ist es in Ordnung. Nicht besser. Aber auch nicht schlechter.

Man lebt, um zu leben. Nicht um anderen zu gefallen. Nicht, um mitzulaufen. Es gibt kein „richtiges Leben“. Das meiste sind vom Menschen erdachte Konstrukte. Sinnvoll für die Masse an Menschen, keine Frage. Bewährt, auf jeden Fall. Aber nicht die ultimative Weisheit.

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3 Kommentare

  1. Jetzt hab ich einen ellenlangen Kommentar geschrieben und dann war der WEG *heul*
    Ok, also nochmal. Schön geschrieben 🙂 Ich selbst kann mich leider noch nicht ganz von dem gesellschaftlichen Druck freimachen, nach dem Motto „die haben das jetzt auch, wieso ich noch nicht?“ oder „der baut ein Haus, wieso muss ich erst meinen dummen Studienkredit abbezahlen?“. Insgesamt kann ich aber sagen, dass ich jetzt mit fast 30 *hust* endlich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich sagen kann: so ist’s ok, Weiterentwicklung aber jederzeit gern, denn Stillstand behagt mir nach wie vor nicht. Ich kann deine Zeilen also sehr gut nachvollziehen. Wichtig ist, was DICH glücklich macht, wie du dir DEIN Leben vorstellst … der Rest ist nur eine andere Option, die eben jemand anderen glücklich macht.

    1. genieß die Zeit bis 30! 😀
      Aus meinem alten Freundeskreis haben mittlerweile fast alle ein eigenes Haus. Wir währenddessen gucken uns gerade diverse andere Länder an, wo wir zwei oder drei Jahre hausen können. So ganz ohne Eigenheim. Adventures! :_D

  2. Toller Artikel 🙂 Wenn es passt und Du wusstest, dass der Mann der Richtige ist, ist das doch wunderbar. Gerade was Beziehungen angeht, habe ich übrigens festgestellt, dass es doch noch viele festgefahrene Vorstellungen gibt. Ich bin z.B. Single seit mittlerweile gut drei Jahren und finde das wunderbar, aber alle meinen, ich müsste doch auf der Suche sein. Nö, bin ich nicht, und wenn ich gefunden werde, dann muss das schon ein verdammt toller Mensch sein, damit ich ein bisschen Platz in meinem Leben mache, das ist alleine nämlich auch echt gut.
    Bleib wie Du bist oder ändere Dich so, wie Du selbst es willst :-). Mit sich im Reinen zu sein ist ein tolles Gefühl, ich habe selbst lange gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, aber wenn man es geschafft hat, fühlt es sich großartig an 🙂

    Liebe Grüße

    Claudia

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