Viel Lärm um nichts. Calm down, women.

Sexismus: Es ist wichtig, auf Missstände aufmerksam zu machen, kritisch zu hinterfragen und den Mund aufzumachen. Dabei ist der Grat zwischen dem, was beklagenswert ist und dem, was okay ist, denkbar schmal, die Meinungen unterschiedlich. Ein Aufschrei jagt den nächsten, zuweilen derart hastig, dass „der Feminist“ in Verruf gekommen ist. Man schreie bei jedem kleinsten Pieps auf, sei dünnhäutig und viel zu leicht reizbar. Normalerweise verdrehe ich bei solchen Aussagen die Augen und denke mir meinen Teil. Bei diesem Tweet und den Rattenschwanz an Antworten muss ich aber gestehen: Ja. Manche scheinen überall Sexismus wittern zu wollen.

Lasst es mich erklären.

Der Autor beschreibt den Trend des Buzz Cut: Rasierte Haare, die bei Frauen derzeit im Trend liegen. „Im Trend“; denn längst nicht jede trägt eine solche Frisur. Das ist Fakt. Ebenso Fakt – und kein  bösartiges Vorurteil seitens des Autoren Jan Schürmann – ist, dass lange Haare in unserer Kultur ein Sinnbild für Weiblichkeit sind. Hier ist es wichtig, sowohl „ein“, als auch „Sinnbild“ zu betonen. Weder sagt er, dass Frauen mit kurzen Haaren keine Frauen, noch, dass lange Haare ausschließlich Frauen vorbehalten seien. Dass lange Haare bei Frauen als sexy und attraktiv gelten, hat sich der gute Herr Schürmann nicht ausgedacht. Der Umkehrschluss, dass kurze Haare von Natur aus unsexy seien, greift hier nicht und sagt er nicht.

In unserer Gesellschaft sind lange Haare bei Frauen die Normalität. Wer sich für sehr kurze Haare oder gar eine Glatze entscheidet sticht aus der Masse hervor. Das ist weder positiv, noch negativ konnotiert. Jeder, wie er mag, jeder, wie er es für schön empfindet. Sich als Frau die Haare zum Buzz Cut rasieren zu lassen erfordert Mut, zumindest jedoch ein gefestigtes Selbstbild, das über den gesellschaftlichen Standard erhaben ist. Das wiederum heißt nicht, dass Frauen mit langen Haaren kein gefestigtes Selbstbild haben können. Jedoch müssen sich Frauen mit geschorenen Haaren den ein oder anderen Blick mehr gefallen lassen. Das ist kein Problem des Autoren – sondern des gesellschaftlichen Bildes.

Schürmann erwähnt ganz richtig, dass ein Buzz Cut ein feministisches Statement sein kann. Ein „Ich bin stark. Ich muss mich nicht hinter meinen langen Haaren verstecken. Und ich brauche deine Begierde nicht.“ Sehr wohl ist es nämlich so, dass sich manche Frauen davor scheuen, dem klassischen(!) Bild der atemberaubend sexy Frau nicht mehr zu entsprechen. Kurzhaarschnitt – okay. Halle Berry in James Bond, anyone? Aber Buzz Cut? No way!

Und das, liebe Frauen, ist eine Sache, die ich für außerordentlich wichtig halte. Im Artikel geht es nicht darum, wie Frauen zu sein haben. Es geht nicht um die persönlichen Vorlieben des Autoren. Es geht vielmehr um das Aufbegehren gegen eingebrannte Strukturen. Dass Schürmann das anspricht ist okay. Richtet eure Wut nicht gegen ihn, nicht gegen die Worte, die euch warum auch immer verwunden. Sondern reckt das Kinn und tretet gegen die gesellschaftlichen Normen.

Nein, eine Frau muss keine langen Haare haben. Nein, kurze Haare machen eine Frau nicht unsexy. Was sie aber auch nicht sein muss, ist beleidigend werden. Denn, sorry: Der Rattenschwanz an Antworten unter oben genannten Tweet ist gehässiger und unreflektierter als der Artikel selbst.

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1 Kommentar

  1. Guter Beitrag! 🙂
    Die Antworten auf den Tweet sind wahrlich erschreckend.

    PS: Du hättest ruhig sagen können, dass sich hier noch was tut. Wenn ich nicht zufällig zu faul gewesen wäre, „Zeitzeugin“ aus den Favoriten zu löschen, wäre ich soeben nicht beim Versuch, „Zeit.de“ aufzurufen, hier gelandet. 😉

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