Kleine Schwänze: Shame?

Oder: Warum es nicht okay ist, eine kleine Penisgröße als Beleidigung zu benutzen

Der Penis: Symbol für Männlichkeit, sexuelle Leidenschaft und Potenz. Die Liebhaber in Liebesromanen sind gut bestückt, schließlich soll das holde Weib auch gebührend begattet werden. Wer einen großen Penis hat wirkt im gesellschaftlichen Bild mächtiger. Stärker. Ist er ein „besserer“ Mann als jemand, der einen kleinen Penis hat? Was bedeutet „Klein“ überhaupt? Alles, was unter dem Durchschnitt von ~14-15cm im erigierten Zustand liegt?
Wo auch immer man die Grenze zieht; kleine Penisse sind nicht selten Zielscheibe für Häme und Spott. Männern, die man nicht mag, werden kleine Gemächte zugesprochen. Provokant? Auf jeden Fall. Aber ist diese Art von Beleidigung nicht auch latent sexistisch? Soll – will – man sich auf die gleiche Stufe wie jene stellen, die Frauen beispielsweise aufgrund ihrer kleinen Oberweite diffamieren?
Heute Morgen las ich folgenden Tweet:

Und ich fragte mich: Weshalb um alles in der Welt ist es so herrlich witzig, Nazis „kleine Pimmel“ nachzusagen? Und wäre „Kleintittennazis“ ebenso angebracht? Was haben Geschlechtsmerkmale mit asozialen Menschen zu tun? 
Kleine Penisse und ihre Träger werden ausgelacht. Von der Grundschule an zieht es sich durch so ziemlich alle Altersklassen. Man lacht weise und klopft sich bestätigend auf die Schulter, wenn man hört, dass Hitler wahrscheinlich einen kleinen Penis hatte. Man feiert J.K.Rowling, wenn sie auf einen frauenfeindlichen Tweet mit einem ähnlich gearteten Tweet antwortet. „Hey! Das Internet bietet auch Penisverlängerungen an!“ Es wird impliziert, dass der Gegenüber aufgrund eines kleinen Penisses Minderwertigkeitskomplexe hat. So weit. So wundervoll.
Auf oben genannten Tweet jedenfalls antwortete ich: „Aber schon latent sexistisch. Körperliche Attribute sollten keine Schimpfwörter sein. Kleintittennazis wäre ja auch scheiße.“ und bekam „Nazis sind scheiße. Wer keinerlei Respekt vor Menschen hat, verdient auch keinen Respekt.“ als Reaktion. Ich persönlich kann Nazis ebenfalls keinen Respekt entgegenbringen. Aber hier geht es nicht um irgendeine Beleidigung gegen Nazis. Es geht um die Beleidigung gegen Männer mit kleinen Penissen. Allein den Umstand, dass „Kleinpimmelnazi“ für manche scheinbar das ultimative Schimpfwort ist und es als respektlos gilt, jemandem einen kleinen Penis nachzusagen, finde ich schon äußerst bezeichnend. Dass nicht einmal in Erwägung gezogen wird, dass es jemanden – und nicht den Nazi – treffen könnte.
Das ist Ignoranz und Bodyshaming par excellence. Gerade von Menschen, die sich für Gleichberechtigung und Toleranz einsetzen, sollte es nicht zu viel verlangt sein, einmal über ihre Wortwahl nachzudenken. Niemand kann etwas für seinen kleinen Penis. Niemand ist männlicher, größer, stärker oder besser, wenn er einen großen Penis hat. Indem wir einen kleinen Penis als Schimpfwort missbrauchen, setzen wir die Penisgröße mit Macht gleich und sprechen gleichzeitig jenen diese ab, die einen kleinen Penis besitzen. 
Mich interessierte, wie betroffene Männer über dieses Thema denken und fragte auf Twitter nach. Ich möchte euch hier zwei der Antworten anonym präsentieren:

Ich bin dick und besitze einen Blutpenis, d.h. er ist im unerigierten Zustand tatsächlich klein – oder wirkt zumindest klein. Ich kann dafür nix. Ich kann das auch nicht ändern.(…) Es ist einfach ein soziales Stigma, das sich durch die Gesellschaft zieht. Jeder kennt die Stories von Frauen, die erstmal lachen, wenn Er die Hosen runter lässt.
Nazis werden zu Nazis, weil sie einen kleinen Penis haben (heute bei Twitter gelesen) und dadurch entstehende Komplexe. Warum haben die Leute denn Komplexe? Weil die Gesellschaft immer und immer wieder auf die existenzielle Wichtigkeit der Penisgröße hinweist. (…)
Kein Mensch kann etwas dafür, wie er „gewachsen“ ist und so wie keiner Sprüche á la ‚Du bist ja auch nur Feministin geworden, weil du [insert random shame comment]‘ hören oder lesen will sollte man vl. auch mal drüber nachdenken, wie es Männern geht, wenn sie solche Kommentare lesen – manchmal tut man damit Menschen weh, die man eigentlich mag.

und

Es stört mich sehr wenn jemand jemandem einen kleinen Penis zuspricht weil dieser bspw. ein Nazi ist. Und ja ich finde das sehr unpassend und gerade in der Pubertät verletzt es einen sehr. Ich persönlich habe immer sehr darauf geachtet, dass niemand meinen „kleinen“ Penis sieht, weil ich in meinen Umfeld auch deswegen „dumm angemacht“ wurde. Das war für mich persönlich sehr verletzend. Doch mittlerweile hab ich mich damit abgefunden . Denke schon dass man dauerhafte Komplexe bekommen kann… Aber bei mir war das nicht der Fall

Penisse sind an sich offensichtlicher als Vulvae – aber anders als beispielsweise die Brustgröße bleibt die Penisgröße, wenn man es will, verborgener. Niemand muss herausfinden, dass man einen kleinen Penis hat. Dadurch ist man sich nicht dessen bewusst, wie viele Männer tatsächlich unter der Penisgröße leiden. Leiden auch aufgrund des Bodyshamings und aufgrund der Tatsache, dass man glaubt, damit allein zu sein.
Nennt Nazis doch Arschloch, Asi, Hohlfrucht oder meinetwegen auch Toilettentieftaucher. Aber lasst doch körperliche Merkmale außen vor, für die niemand etwas kann, die keines Makels bedürfen und denen an sich nichts Beleidigendes anhaften sollte.

Herzlichen Dank an die Männer, die Größe bewiesen und mir die Antworten zu meinen Fragen geschrieben haben! 🙂

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9 Kommentare

  1. Klassischer Fall von: Man will das lesen, was man will, egal, wie die Grundaussage ist. Nächster Fall: Aus einer Mücke einen Elefanten machen.
    Wenn man will, kann man immer eine politische Unkorrektheit finden. Es muss einem nur langweilig genug sein.

    1. Ach weißt du, lieber schreibe ich aus „Langeweile“ einen solchen Beitrag als aus Langeweile einen nichtssagenden Kommentar 🙂

  2. Männer haben zumindest das Glück, nur Auserwählten den Penis zeigen zu müssen. Die Oberweite einer Frau oder auch einfach Übergewicht eines Menschen sind für jeden ersichtlich. Wenn einem Mann an den Kopf geworfen wird, er hätte einen kleinen Penis, weiß nur er, ob das stimmt oder nicht. Mit bisschen Selbstbewusstsein kann er das auch einfach abschütteln. Eine Frau, deren Oberweite lächerlich gemacht wird, kann das nicht. Alle glotzen hin und die Demütigung ist perfekt. Beim „Kleinpimmelnazi“ kommt natürlich dazu, dass der „Nazi“ an sich auch schon beleidigend ist. Also kann jemand mit kleinem Penis auch genauso gut verletzt sein, dass ihm unterstellt wird, tendenziell Nazi zu sein, weil er ja Komplexe haben muss. Man beleidigt also nicht nur Nazis, sondern auch Männer mit kleinem Penis. Den haben sie sich sicher nicht ausgesucht, Nazis ihre Gesinnung sehr wohl.

  3. Ich melde mich mal mit einer Gegenmeinung:
    Ich habe einen kleinen Penis und es ist mir völlig egal, wenn eine kleine Penisgröße als Beleigung genutzt wird.
    Das sind halt so pauschalisierende, inhaltslose Beleidigungen, ähnlich wie Beleidigungen gegen jemandes Mutter.
    Davon fühle ich mich einfach nicht persönlich angesprochen.

  4. Ich muss gestehen, dass ich bisher nie so sehr darauf geachtet habe und mir der Shame-Charakter nie so deutlich bewusst geworden ist bevor ich deinen Artikel gelesen habe.

    Aber wenn ich so nachdenke muss ich sagen, dass das Beziehen auf das „beste Stück“ eines Mannes schon eine eigene Qualität von Shaming hat. Besonders da (anders als beim üblichen Bodyshaming auf äußerlich Sichtbare Attribute) auch gerne mal wild ein kleiner Penis vermutet wird- „oh der Arsch mit dem Porsche fährt zu schnell- hat bestimmt nen kleinen Sch…. der muss das kompensieren“, „schau mal, der hat sich schon wieder dies oder jenes geleistet, bestimmt braucht er das als Penisersatz“ wenn du jemand so richtig kränken willst geh ihm an die Eier- so die Idee. diskreditiere ihn nicht, weil er eine hohle Nuss ist, diskreditier ihn indem du ihn die sexuelle Potenz absprichst. Ganz tolles Konzept- nur dass vergessen wird- sicher hat unter 20 Männern, die man so versucht zu treffen nur einer wirklich nen kleinen Penis- und das wäre so als ob ich in ne Gruppe von Models rufe:“ ihr dicken faulen Trusen“- ich würde die vollkommen falsche Gruppe beleidigen.

  5. Ich finds gut das du sowas thematisiers. Ich finde Beleidigungen die auf körperliche Merkmale abzielen unter aller Sau. Es zeigt nicht von geistiger Reife jemanden aufgrund seines Gewichts, genital/brustgröße, zahnspangen /Brillen oder unreihner Haut zu defamieren. Bodyshaming ist zur Zeit leider überall zu finden. Sogar in Magazinen die für die Auflage irgendwelche Stars beschimpfen mit „Dellenschande“(zellulitis). Überlegt euch gut was ihr eurem gegenüber an den Kopf werft. Probiert mal Menschen zu beurteilen nach ihrer Austrahlung intelligenz ihrerm handeln usw. nicht nach äußerlichen gegebenheiten. Zudem muss man wenn man nix zusagen gat auch nix sagen. Nur weil ich etwas kann heißt das nicht das ich es auch muss.

  6. Danke! Danke für eine gute und wichtige Reaktion!
    Nazis sind beschissen, keine Frage, aber das lässt sich auch ausdrücken, ohne andere Gruppen zu beleidigen.
    Zumal dann, wenn es umgekehrt – mit einem Ausdruck, der Frauen herabwürdigt – geschehen würde, es einen #Aufschrei gäbe.

  7. Der Artikel entspricht meinen Gedanken, wenn ich ähnliche Penis-Shaming-Beieldigungen irgendwo gesehen / gelesen habe. Jemand, der einen kleinen Penis hat, kann nichts dafür. Jemand der ein Arschloch ist aber schon…

  8. Vielen Dank für diesen Artikel. Als Betroffener (erigiert etwas mehr als ein Mikropenis) bin ich schon lange der Meinung, dass Männer mit einem (zu) kleinem Penis nicht nur eingeschränkt, um nicht zu sagen behindert sind (i.e. so genannter vaginaler Sex ist nicht oder nur äußerst eingeschränkt möglich), sondern auch eine der wenigen eingeschränkten Gruppen sind, die man ungestraft diskriminieren und beleidigen kann (wobei ich die Verunglimpfung einer Person mittels der Behauptung, dass sie einen zu kleinen Penis habe und somit unwert sei, als Diskriminierung der tatsächlich betroffenen Personen betrachte). Mir ist das spätestens mit der Verunglimpfung von Donald Trump durch die australische Künsterlin Illma Gore aufgefallen, ein Fall, der auch zeigt, dass selbst Linksliberale zur Diskriminierung fähig und willens sind.

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