Toxische Beziehungen

„Die 24 Gesetze des toxischen Missbrauchs“ – W T F

Gut. Eigentlich heißt dieses… ich will es nicht Buch nennen. Diese Scheiße heißt eigentlich nicht „Die 24 Gesetze des toxischen Missbrauchs“, sondern „Die 24 Gesetze der Verführung“. [Internal hysterical laughter] Aber das ist dezent, ganz, ganz dezent, untertrieben. Es ist ein Leitfaden dafür, wie man eine toxische Beziehung kreiert. Verlegt in Deutschland erst von Hanser und nun vom dtv Verlag. Ich. Fasse. Es. Nicht.

Über Meara bin ich auf den Instagrambeitrag vom Feministischen Buchclub gestoßen, der einige Buchzitate aus dem „Ratgeber“ vorstellt. Dort ist die Rede vom „Opfer“, das „der Verführer“ „versklaven“ soll, um emotionale Bindung herzustellen. Die Rede ist davon, dass „Angst und Unzufriedenheit“ geschürt werden soll. Die Rede ist davon, dass „das Opfer isoliert“ werden soll.

Ganz ehrlich: Ich konnte es nicht glauben. Innerlich ein bisschen getriggert, wühlte ich mich also viel zu lange durch das Internet, las lange Ausschnitte und wenn ich kotzen könnte, hätte ich es wohl getan, das Erbrochene in ein Paket geflößt und es dem Verlag geschickt. Lachend.

Eine Farce.

Es sind Gesetze des toxischen Missbrauchs! Toxischer Missbrauch kann Menschen auf Dauer zerstören! Die Verarbeitung einer toxischen Beziehung, in der Gaslighting, emotionaler Missbrauch und viel mehr an der Tagesordnung ist, kann Jahre dauern. Und ein deutscher renommierter Verlag verlegt es? Again: Ich fasse es nicht!

Übrigens, an jene die sich nun denken oder mir gar schreiben: „Du bist schon empfindlich, was?“: Genau das ist auch Teil von Gaslighting. Auch Teil einer toxischen Beziehung. Und DU damit Teil des Problems.

True story.

Durch wie viele Instanzen ist der Text gegangen? Wie viele Menschen haben ihn gelesen und dann beschlossen, dass es eine gute Idee wäre, ihn zu veröffentlichen?

Oder anders: Was muss verdammt nochmal passieren, damit sowas nicht weitere Male geschieht? Wie viele interne Fortbildungen (und ja, liebe Verlage, die habt ihr dringend nötig!) wird es brauchen? Wie viele Köpfe werden endlich beginnen zu rauchen? Kleiner Tipp: Nein, ein Shitstorm ist nicht erstrebenswert und schlechte Publicity nicht gleichbedeutend mit guter Publicity. Ganz ehrlich? Ich bin abgeschreckt was diese Verlage angeht. Und zwar nachhaltig. Und so geht es sicherlich nicht nur mir. Wollt ihr das? Wirklich? Wollt ihr euch für toxische Beziehungen stark machen?!

Die Rezensionen – ich fasse auch diese nicht

Viele Rezensent*innen loben das Buch, beschreiben es als „augenöffnend“, freuen sich darüber, dass man die Welt nun „Klarer, besser sieht“ und sinnieren darüber, dass Menschen generell ja supidupi „gerne verführt“ werden.

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Hat niemand von diesen Leuten das Wort „Opfer“ verstanden? Hat niemand von ihnen die Texte hinterfragt? Jedem*r Einzelnen würde ich gerne eine Einzelstunde mit einem Psychologen oder einer Psychologin mit Fachgebiet toxische Beziehung zusammensetzen, damit es ihnen mal genauer erklärt wird. Natürlich bezahlt von den Verlagen.

Ich bin fassungslos, aber nicht überrascht, dass unsere Gesellschaft Toxizität in Beziehungen so oft noch für völlig normal und sogar erstrebenswert hält.

Vom dtv Verlag liegt mittlerweile immerhin ein Statement vor: Klick.

Sieht so eine Entschuldigung aus?

First: „Kulturgeschichte“. Lol.

Second: „Gestiegene Sensibilität“. Are you kidding me?! „Sensibel“ war man auch 2002 bereits – aber Dank Leuten wie euch wurde es gerne klein geredet, frohlockend in Umlauf gebracht und lächerlich gemacht. Es ist völlig unerheblich, ob etwas 1856 noch als gesellschaftlich okay galt. Zum Glück ist Vergewaltigung innerhalb der Ehe heutzutage übrigens strafbar. Macht uns das heute „gestiegen sensibel“? Nein. Nur fucking ausgebrochen aus ekelhaften, menschenverachtenden Strukturen. Ich glaube aber sehr gerne, dass Horst und Hilde, die nichts hinterfragen und Traditionen vor Würde stellen, sowas wohlwollend auffassen. Toll. Toll. Ist das euer Maßstab?! Eure Entschuldigung?

Was sprach gegen eine Entschuldigung? Ein aufrichtiges Reflektieren?

Mein Vertrauen in den Verlag ist erschüttert. Rape Culture kann und will ich nicht unterstützen. Victim Blaming ist zum Kotzen. Und einen Ratgeber zu emotionalem Missbrauch gehört nicht auf den Markt. „Die 24 Gesetze des toxischen Missbrauchs“ gehört auf den Sondermüll.

Was ich mit diesem Beitrag einfach sagen will: Wir können sowas nicht hinnehmen. Wir dürfen etwas dagegen sagen und uns auch ganz entschieden gegen Verlage entscheiden. Dass unsere Stimmen etwas bewirken, sieht man daran, dass der Verlag das Buch „nicht weiter verkaufen“ will. Schöner gewesen wäre es freilich, wenn es der Verlag aufrichtig eingesehen und die Fehler erkannt hätte. Bis dahin ist es natürlich noch ein Weg. Aber der ist es wert zu gehen.

Wie ihr sonst helfen könnt, zeigt euch Tanja hier: Klick mich.

Ich für meinen Teil werde nie – niemals – leise bleiben solange es um solche Dinge geht. Damit es irgendwann auch der*die Letzte mitbekommt, dass Toxizität in einer Beziehung nichts zu suchen hat.


Photo by Sara Adroer on Unsplash

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