Im tiefen, tiefen Wald Panini Joe Hill

[Comic] „Im tiefen, tiefen Wald“

Vermutlich jeder Mensch, insbesondere jeder weiblich gelesene, kennt das unangenehme Gefühl nachts auf der Straße. Dort, wo ferne Schritte bis ins Mark hallen und jeder, der sich nähert, eine potenzielle Bedrohung darstellt. So ungefähr liest sich „Im tiefen, tiefen Wald/The low, low woods“ von Carmen Maria Machado. Im positiven Sinne, denn der Comic ist verdammt gut.

CN: Rape Culture as its best.

In der Kleinstadt Shudder-To-Think in Pennsylvania ist es seit Jahrzehnten ungemütlich. Hartnäckiger Kohlebrand frisst sich aus den stillgelegten Schächten tief unter den Häusern hinweg und Kohlestaub verpestet Lungen und Eingeweide.

Die Schülerinnen Octavia und „El“dora wachsen genau dort in den 90er Jahren auf. Seit sie als junge Mädchen von einer blutig-fleischigen Kreatur angegriffen wurden, sind die beiden beste Freundinnen und kommen bis dato ganz gut zurecht. Bis ihnen beiden nach einem Kinobesuch die Erinnerungen fehlen und sie auf dem Heimweg von einer furchterregenden Chimäre überrascht werden. Nach und nach erfahren sie mehr über die erschütternden Geheimnisse ihrer Heimat und müssen sich für oder gegen die Wahrheit selbst entscheiden.

Mehr als nur fiktiver Horror

Eines vorweg: Ich hatte mehrfach Gänsehaut beim Lesen. Die Story hat mich gepackt, die Figuren entzückt, die Diversität des Casts (LGBT, PoC, nicht normschöne Körper) sehr positiv überrascht und ich kann nur eine absolute Kaufempfehlung aussprechen. Wer sich von der Geschichte nicht spoilern lassen möchte, liest am besten nicht weiter, da ich zumindest einige der Aspekte, die die Geschichte beinhaltet, ansprechen werde. Das Ende, etwaige Plot Twists etc. lasse ich natürlich weiterhin unbesprochen.

"Im tiefen, tiefen Wald" von Hill House Comics über Panini

Was beginnt wie handelsüblicher Fantasy-Horror entpuppt sich bald als feministisches Plädoyer gegen Rape Culture. Getragen wird dies sehr deutlich und schmerzhaft von der Geschichte rund um Kreaturen, die aus den Tiefen der Erde steigen und von der Umwelt selbst, die sich wie klebrige Kohleasche über Jahre hinweg im Körper ansammelt. Es ist Gift, das nicht von der Natur stammt, sondern letztlich menschengemacht ist.

Hier ist es die Gesellschaft, die krankt und mit hasserfüllter Fratze Freude nimmt. Es ist die Gesellschaft, die aktiv wegsieht. Das eingebettet in ein solches Setting hat Aussagekraft weit über die Fantasyelemente hinweg. Es ist eine Gesellschaftskritik, die in raue Bilder gepackt wird und es somit einmal mehr noch unterstreicht.

Zum Fürchten sind eben nicht nur die Monster, die Kreaturen aus irgendwelchen Geschichten. Sondern der Mensch selbst. Als willkommener Kontrast dazu präsentieren die Protagonistinnen eine warme und wärmende Liebe nicht nur platonisch zueinander oder romantisch zur Freundin, sondern auch zu ihren Mitmenschen. Keine blinde Liebe wie man sie allzu oft in Hollywood findet, vielmehr eine empathische, vergebende und verständnisvolle Liebe. Ich kann nur nochmal hervorheben, wie großartig ich allein schon die Konsenz-Szene finde!

Es ist auch kein Wunder, dass kaum eine Figur männlich gelesen ist. Von den Hauptfiguren bis zum Haushund sind es weibliche Charaktere, die hier wortführend sind und die Handlung tragen. In kaum einer Geschichte könnte ich mir solch eine Konstellation passender vorstellen als in dieser. So wirkt es auch nicht aufgesetzt oder „männer-bashend“, sondern absolut natürlich in das Setting eingepflegt.

Im tiefen, tiefen Wald mit vielschichtigen Charakteren

Dass es bei den Figuren im „Im tiefen, tiefen Wald“ divers zugeht, ist kein Zufall, denn die Autorin Carmen Maria Machado ist nicht nur selbst queer, sondern auch US-amerikanische Tochter von Einwanderern aus Kuba. Es zeigt einfach wieder – wenig überraschend-, dass es ein großer Gewinn ist, Geschichten von Own Voices Autor*innen zu veröffentlichen.

Veröffentlicht wurde es im Original im DC-Imprint „Hill House Comics“, hierzulande bei Panini Comics. In diesem Imprint sind bereits 5 verschiedene Comics aus unterschiedlichen Federn entstanden, mehr sollen folgen. Gut für das Horror-Genre!

„Im tiefen, tiefen Wald“ ist wirklich außerordentlich vielschichtig und aussagekräftig und es war mir ein sehr bitterer Genuss.

Autorin: Carmen Maria Machado | Art: Dani | Amazonlink | Verlagslink | Enthält: Bd.1-6 | abgeschlossen


Der Comic wurde mir als Rezensionsexemplar von Panini Comics zur Verfügung gestellt.

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