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Cosplay verpflichtet?

Wisst ihr, ich verstehe nicht sonderlich viel von Cosplay. Sicher, einst war ich als Leonardo von den Teenage Mutant Ninja Turtles unterwegs, habe mich zu einem Comic von Garth Ennis „aufgehübscht“ und bepinsle derzeit meinen Baseballschläger liebevoll, damit er bald zu einer allseits beliebten und doch so verkannten DC-Figur passen möge. Doch davon, tatsächlich ein ernst zu nehmender Cosplayer zu sein, bin ich meilenweit entfernt. Vielleicht ist das auch gut so. Denn scheinbar betritt man als Cosplayer die Welt der erzwungenen Kindesbespaßung, die bei Nichtteilnahme die absolute Ächtung seitens der Gesellschaft nach sich zieht. Unter uns gefragt: Soll das so?

Gestern sah ich auf einer Fanpage zu Doctor Who folgendes Statement, das mich ein wenig empört, aber doch zumindest ratlos zurückgelassen hat:

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Kurzum: Wenn du als Cosplay ausgerechnet eine Disneyprinzesin auserkürst, so hast du dich in eben jenem Kostüm Kindern gegenüber gefälligst „in character“ zu verhalten und überfreundlich zu sein! Denn, so spricht es Waka, das Gesetz, denkt jedes Kind automatisch, dass bspw. Elsa höchstselbst vor ihm stünde. Wie furchtbar wäre es, wenn Elsa plötzlich charakteruntypisch agieren würde! Eine Welt würde unter dem armen Kind zusammenbrechen, das fortan zeitlebens traumatisiert sein Dasein fristen müsste!

Natürlich: Man sollte sich, ganz egal, ob man nun in einem Prinzessinnenkleid oder einem Kartoffelsack unterwegs ist, klar darüber sein, welche Wirkung man auf andere erzielt. Auch Goths werden wissen, dass sie entsprechend wahrgenommen werden und es Leute geben wird, die einen auf die Aufmachung ansprechen. Aber: Unterschreibt man als Cosplayer einen Pakt? Muss man sich so oder so verhalten? Wir erinnern uns: Wir reden noch immer über ein persönliches Hobby und nicht über den nicht näher spezifizierten Beruf des Kinderbespaßers.

Tauchen wir vielleicht noch in die Kommentarsektion des Bildes ein:

 

„She is not a cosplayer. Anyone who actually goes to an event knows if you don’t want people to come up and talk to you. DON’T DRESS UP. It is a unspoken rule that if you do people can come up and talk to you about said costume.“

oder

„If you go in public in the costume of a well known childrens character, then you must be willing to interact with people. (…)  A child doesnt understand that you are a person playing dress up, all a child will wonder is why their hero, their friend in some ways, doesnt want to talk to them. It is upsetting for them. When you dress in public that way you are accepting that role, if youre not prepared for that then dress as something else.“

oder

„No, you are not obligated to stay in character and spare a few moments of kindness to an impressionable young child, nor are you obligated to show the people you encounter some basic decency and courtesy. But please don’t fool yourself… admit then that you are an asshole; you are a shitty human being, a piece of garbage, that you have zero compunction against crushing a child’s dreams and innocence because you are an anti-social narcissistic dolt who can’t take 2 seconds in your busy life to give a little bit of joy into an otherwise cruel world. And don’t be surprised when people treat you like a shitty piece of garbage because you get back what you give out to the world. This has nothing to do with whether or not you like kids, or that it’s not your job to entertain someone else’s kids… this is just basic empathy. Don’t like it? Dress up at home and don’t venture outside.“

Um es mal mit meinen eigenen, profanen und infantilen Worten zu sagen: „Hömma, geht’s noch?!“ Man ist also „Müll“ und ein „Arschloch“, wenn man sich nicht kinder- oder elternkonform verhält? Geht es hier noch um Cosplay oder reden wir schon über Menschen, die gegen Geld auf Kindergeburtstage und auf Events gehen um sich mit den Kindern zu unterhalten?

Ich finde es wunderbar, dass es Menschen gibt, die Freude am Verkleiden haben und sich so auch anderen zeigen. Das gibt anderen jedoch nicht das Recht, bestimmen zu dürfen, inwieweit man sich sonstwo involvieren muss. Gerade in Zeiten wie diesen, wo sich zu Recht um die eigene Freiheit und Selbstbestimmung auch und selbst von Cosplayern bemüht wird. „Fotografiert mich – wenn ich nichts dagegen habe.“ „Fasst mich nicht an – ich bin kein Ausstellungsstück.“

Selbstredend ist es toll, sympathisch und vielleicht auch ein Stück bewundernswert, wenn man in der jeweiligen Rolle aufgehen und frei mit der Umwelt interagieren kann. Es ist jedoch nicht jeder eine Rampensau oder schauspielerisch begabt, auch möchte nicht jeder zum Alleinunterhalter mutieren. Jeder darf ein Cosplayer sein: Dicke, Dünne, Große, Kleine – warum dann nicht auch Introvertierte, Nichtgernebespaßer? Ferner kann und darf man das Hobby Cosplay aus vielerlei Gründen heraus betreiben: Etwa, weil man Kostüme oder die Figur liebt, gerne bastelt, sich gerne unter seinesgleichen gesellt – und selbstverständlich auch, wenn man andere Leute und auch Kinder unterhalten möchte und/oder damit keinerlei Problem hat.

Aber man sollte doch bitte endlich mal damit aufhören, zu denken, dass die eigene Vorstellung von „Cosplay“ die einzig wahre ist. Lasst die Leute ihr Geekhobby doch so ausleben, wie sie wollen. Sie sind nicht dafür da, euch das Leben so großartig wie möglich zu machen. Das ist „nur“ ein toller Nebeneffekt.