Gastartikel: Über Märchen und die Kunst der Videospiele

phinphinWer kennt sie nicht, die ausdrucksstarken und beeindruckenden Blutfontänen, wenn wieder einmal höchst gesellschaftskritisch mit einer Gatling in eine Menschenmenge gefeuert wird. Die versteckten Vaterkomplexe des Mapdesigners, wenn er trotzig einen Berg mitten in das Schlachtfeld des Strategiespiels stellt, um den fortan tausende von Panzer herumfahren müssen. Oder die ausgeklügelte, ja fast schon philosophische Rhetorik in Gangsterspielen wie GTA. Ja, ich rede vom scheinbar größten Kulturgut unserer Zeit: Videospiele! Die ja oft von Spielern als Gegenargument bei Zensur und Kritik durch Politik & Medien als Kunstobjekte bezeichnet werden. Und Kunst kann – wie jedes Kind weiß – nichts Schlechtes sein. Seit Jahren bin ich nun auf der Suche nach dieser Kunst, aber kann sie beim besten Willen kaum sehen.

Wie die meisten anderen bin ich schon in meiner Schulzeit mit Kunst in Berührung gekommen. Seien es die berühmten Farbkleckse an der Leinwand, irgendwelche unförmigen Skulpturen oder musikalische Werke. Und bisher dachte ich, Ziel der Kunst sei es, dass der Künstler durch seine Arbeit etwas ausdrückt, was der zukünftige Konsument (also wir) in Mark und Bein fühlen kann. Musik ist ein gutes Beispiel dafür. Traurige Musik macht einen traurig, fröhliche Musik macht einen fröhlich. Ich denke es gibt niemanden, der sich Musik anhört und dabei nichts fühlt. Die Musiker haben meist schon, bevor sie die ersten Strophen ihrer Melodie auf Papier geschrieben haben, ein bestimmtes Bild davon, wie sich die Leute beim Anhören ihrer Musik fühlen sollen. Fast immer sind Musik und Inhalt (also die Texte) aufeinander abgestimmt, so dass jedes Musikstück eine bestimmte Botschaft vermittelt.

Die Botschaft welche mir das Level 3-2 in New Super Mario Bros U vermitteln soll, ist mir allerdings noch nicht so ganz klar. Vielleicht Hektik. Schließlich ist die Melodie recht hektisch. Allerdings ist meine Spielfigur die ganze Zeit am Grinsen. Soll ich mich vielleicht eher fröhlich fühlen? Andererseits werde ich bei Berührung mit anderen Spielfiguren verletzt und verliere unter Umständen sogar ein Leben. Heißt das jetzt, ich soll mich von anderen Menschen fern halten, weil sie mir schaden könnten – quasi Soziophobie? Oder aber – und jetzt kommt meine Variante – Nintendo interessiert sich einen Kehricht um Kunst oder deren Interpretation und möchte einfach nur, dass ich die dämliche Flagge erreiche.

Liegt vielleicht der Verdacht nahe, dass Activision oder EA nicht gerade an ein gesellschaftskritisches Meisterwerk denken, wenn sie von ihren Shootern reden, sondern einfach nur an ein Geschäftsmodell, ein Produkt, das möglichst viel Kohle einbringen soll? Wieso dann von Kunst sprechen? Wieso überhaupt von einem Kulturgut? Wäre denn unsere Kultur um so viel ärmer, wenn man mal auf den nächsten Teil von Battlefield verzichten würde? Und stattdessen – öhm – einen Baum pflanzt.

Aber bevor jetzt die ersten ihren Season Pass in die Tonne werfen: Ich habe sie doch noch gefunden: Die Kunst. Denn zwischen all den Programmierern, Betriebswirten oder PR Managern haben sie sich versteckt: Die Künstler. Art Director, Komponisten, Drehbuchautoren. Sie erschaffen Charaktere, ganze Welten, versuchen mit ihrer Musik, mit Dialogen oder schlecht beleuchteten Kellergewölben bestimmte Stimmungen im Spieler hervorzurufen. Aber reicht das, um als Kunst zu gelten?

Ein schlauer Computer sagte mal, dass man nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten werde, wenn man nicht die richtige Frage stellen würde. In Bezug auf meinen Beitrag bedeutet das leider, dass die Frage, ob Videospiele als Kunstobjekte gelten nicht beantwortet werden kann, solange man sich nicht einig darüber ist, was Kunst überhaupt bedeutet. Also haben irgendwo aufgrund der sehr hohen Subjektivität beide Seiten recht.

Videospiele sind also sowohl Kunst, als auch keine Kunst. Dürfen zensiert und verboten werden, aber auch nicht. Jetzt wo ich feststelle, dass es sich hierbei vermutlich um höhere Quantenphysik ähnlich dem Schrödingers Katze Prinzip handeln muss, klink ich mich lieber aus und mach mich auf dem Weg zu Flagge.

[„Phin Fischer“ ist gebürtiger Brony und bloggt auf „Phinphins“ primär über Videospiele. Hier einen Gastbeitrag veröffentlichen darf er, weil sein Blog von mir  seit jeher das Prädikat „lesenswert“ verliehen bekommen hat. Fühlt euch hiermit aufgefordert, bei ihm vorbeizusehen.]

Ähnlich großartige Postings:

11 Gedanken zu „Gastartikel: Über Märchen und die Kunst der Videospiele“

  1. Also cih finde schon, dass Videospiele tatsächlich Kunst sind. Was da teilweise für Musik und Optik rausgehauen wird, ist teilwiese der Wahnsinn. Manchr Screenshot sieht bereits aus wie einGemälde sondergleichen und die Verschmelzung von Vild, Ton, Action und das eigene Spielempfinden ist auch etwas, das einen in den absoluten Bann ziehen kann, mehr noch als ein Film oder ein ordinäres Bild.
    Videospielkunst ist definitiv anders, aber mMn durchaus existent

    1. Hältst du auch etwas für Kunst, selbst dann wenn der Schöpfer eigentlich nur ein Konsumprodukt erstellen möchte? Ich meine:
      Es gibt natürlich vieler Entwickle (besonders im Indie-Bereich) die bewusst mit Musik oder Bildern spielen und sich so einen Ruf als Künstler redlich verdient haben, aber ich würde z.B nie auf die Idee kommen durch den Aldi zu marschieren, mir die Verpackungen der Waren anschauen und dabei denken „Boah, was für ein großartiger Künstler, hat denn hier die Verpackung der Salami-Schnitten kreiert.“ *g*
      Würdest du z.B. Spiele wie Call of Duty auch als Kunst ansehen?

      1. Konsumprodukt oder nicht ist für mich nicht die Frage. Kunst muss für mich eine Seele haben, Raum für eigene Interpretationen geben, berühren und, natürlich, kreativ von Menschenhand erschaffen worden sein. Call of Duty zieht mich auch in seinen Bann. Es ist mit Sicherheit alles andere als die klassische Kunst. Aber es kann als Kunst verstanden werden.

  2. Wieso sollte gerade Zensur ein Faktor sein, ob es sich um Kunst handelt oder nicht? Bzw. wie kommt der Schluss zustande, dass Kunst nicht zensiert werden dürfe?
    Im Biedermeier/Vormärz herrsche ebenfalls Zensur. Jeder Text unter 20 Bogen (das sind etwa 320 Seiten, wie wir sie kennen) musste der Zensurstelle vorgelegt werden. Stand etwas zu kritisches drin, durfte er nicht gedruckt werden.
    Und im alten Rom war es z.B. unter den Kaisern Nero oder Domitian brandgefährlich, ein kaiserkritisches Werk zu verfassen. Da wurde dann lieber gleich selbst zensiert, wenn einem das Leben lieb war ;)

    Die Kunst – in obigen Fällen also die der Schriftsteller – unterliegt also schon seit jeher der Zensur. Wenn Computerspiele nun zensiert werden, macht sie das zu Kunst? Pauschal möcht ich das nicht behaupten – es kommt wohl aufs jeweilige Spiel an. So mag z.B. ein GTA mit seiner Gesellschaftskritik eher an den Kunstbegriff heranwirken, als es ein Battlefield tut.

    1. Computerspiele werden nicht dadurch zur Kunst, in dem sie der Zensur unterliegen. Vielmehr soll der Kunststatus vor genau dieser Zensur schützen.

      Weil Kunst zumindest in Deutschland ähnlich wie die Meinungsfreiheit dem besonderen Schutz unterliegt. Ein Kunstwerk zu zensieren oder zu verbieten ist vergleichsweise schwierig.
      Selbst wenn sie offensichtlich gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet ist, wird vorerst immer ein riesen Tamtam gemacht und deutschlandweit darüber diskutiert, ob der Staat jetzt eingreifen darf, oder nicht.

      So etwas hatte man in totalitären Systemen wie unter Nero eben nicht. Dort waren die Meinungen ja nicht frei und damit auch die expressionistische oder generell die botschaftsvermittelnde Kunst ein Randphänomen.

      Von der Gesellschaftskritik in GTA höre ich zwar oft, aber frage mich trotzdem wo genau dort die Kritik sein soll? Ich empfand es eher als eine teilweise etwas übertriebene Darstellung eines bestimmten Ghettos. Aber wirkliche Momente, in denen sich mein Charakter mit Gewissensbissen plagt, von den Verbrechern angewidert ist, oder zumindest der Spieler so empfindet, habe ich keine erlebt. Die Botschaft wie verkommen die Gesellschaft im Spiel ist, fehlt mir irgendwie. Da empfand ich Spiele mit ähnlichem Setting z.B. Max Payne um Längen besser gelungen

      1. Umgekehrt hat der Staat in Deutschland aber auch keine Probleme damit, ein Werk (muss nicht mal ein Computerspiel sein) auf den Index zu setzen und den Verkauf zu stoppen. So ein riesengroßes Tamtam wird da gar nicht gemacht – Tamtam gibts nur, wenn mal irgendein Medienkonzern drauf aufspringt.

        Was die Gesellschaftskritik in GTA angeht – ausgiebig gespielt habe ich nur San Andreas, aber dort sticht mir vor allem ein Storyelement ins Auge: Big Smoke verrät um des Geldes wegen seine Freunde. Natürlich ist das ganze in eine übertriebene Ghetto-Hiphop-Straßengang-Verpackung gesteckt, aber die Grundlage ist nicht so abwegig – wir leben ja in einer kapitalistischen Welt, und falsche Freunde, die nur auf ihren Vorteil aus sind, lauern hinter jeder Straßenecke. So wie Smoke und Ryder, die ihre Kumpels für das liebe Geld eiskalt hintergehen und sie an Tenpenny & die Ballas verraten.
        Stichwort Tenpenny: Er ist Cop und eigentlich sollte er ja dem Ghetto den Frieden geben. Stattdessen nutzt er seine Machtposition aus und hält die Gangs mit Absicht auf Trab, damit sie nicht zu Ruhe kommen, sich gegenseitig aus dem Weg räumen und für ihn den Weg zum großen Geld freimachen.
        Auch das könnte man durchaus umlegen auf die heutige Welt, wo oft Machtpositionen ausgenutzt werden (z.B. wurde grad ein österreichischer EU-Parlamentarier wegen Korruption verurteilt). Oder man sieht es im größeren Kontext – wieso z.B. ist die Nato in Libyen einmarschiert, in Syrrien aber nicht? Weils im einen interessantes Öl gibt, im anderen aber halt nicht. Nur so ein Gedanke – aber es zeigt, dass sich viele der Handlungselemente von GTA durchaus auf die Realität umlegen lassen.

        (Der Kapitalismus als „Wurzel“ des Übels und das Ausnutzen von Mitbürgern taucht übrigens auch schon in Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammmacher“ auf, wo der Meister eiskalt seine drei Angestellten ausnutzt, wohlwissend, dass sie daran zugrunde gehen…)

        Gesellschaftskritik muss nicht immer ausgeschildert sein – sie ist meist eher subtil angelegt und natürlich grad im Falle von GTA gut verpackt. Würde ja kaum einer mehr spielen, wenn es so offensichtlich wäre, dass da drin irgendwo noch moralische Werte schlummern ;)

  3. Natürlich sind Computerspiele Kunst! Sie bilden sogar eine Verbindung aus unterschiedlichen Bereichen. Wie du im Grunde auch schon gesagt hast. Musik und gestaltende Kunst, Film und Schauspiel. All das verbindet es. Es unterhält und inspiriert. Es lässt einen abschalten und läd zu Diskussionen ein. Artworks, Fanfictions, Spielfilme – all das kann durch Computerspiele entstehen. Und genauso wie andere Kunst reicht sie vom Banalen bis hin zu Abstraktem, Komplizierten. Kunst ist das, was man als Kunst versteht und einen irgendwie berührt. Also: Eindeutig Kunst! :-)

  4. Interessanter Text, ich wollte bei mir demnaechst mal was aehnliches Posten.. Allerdings mehr mit der Thematik, warum ich auch als erwachsener immer noch sehr gern zocke. Der Aspekt Kunst wird da aber sicherlich auch drin vorkommen, die eine oder andere Anregung habe ich hier durchaus bekommen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley-channel.de_essen020.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/zu-motz.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/Super-Mario.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/unicorn.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/annoying_navi_emote_by_wakerra-d2zrej5.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/Knutsch.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley-channel.de_traurig015.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smile-huuugh.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/zelda-emoticon-goldsword.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/nonono.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/biggrin.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wub.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley-channel.de_hut024.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/ajbemused.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_wolverine.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/rainbowhuh.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/pinkiecrazy.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/pinkiehappy.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/twilightangry2.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/raritycry.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/eusa_shifty.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/vulcan.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/freddy.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/pinkiegasp.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/eusa_eh.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/new_puppy_dog_eyes.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/alien.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_confused.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley-sw001.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/fluttershysad.png 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_rolleyes.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/eusa_snooty.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/eusa_think.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/aiwebs_017.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/whip.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/sa-lovewcc.gif 
http://zeitzeugin.net/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smile.gif