1. 21. Mai 2015 | Veröffentlicht unter Gamesvorstellungen, Gaming.

    The Witcher 3: Von Immersion, Sexismus und Wichsern

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    yeah babySie lag in meinen Händen, unberührt, so voller Unschuld. Sie sah aus wie jede andere: Eine Hülle, nicht leer zwar, doch bar jeden besonderen Inhaltes. Erst als ich sie entblößte erkannte ich ihre besondere Fülle. Eine Karte, ein Soundtrack, eine Spielanleitung (Halleluja! Ich dachte schon, es gäbe sie nicht mehr!), Sticker, ein Kompendium. Und ein Liebesbrief. Vom Entwickler nur für mich. „Liebste Guddy“, stand darauf, „(…) wir wünschen dir ein wunderbares Rollenspielerlebnis der nächsten Generation!“ Gut. Vielleicht wurde ich nicht wirklich beim Namen genannt, doch man muss mir diese Ungenauigkeit verzeihen, schließlich konnte ich nicht mehr klar denken. The Witcher III und ich – das war Liebe auf den ersten Blick.

    Doch wie ist er nun, der Witcher? Die ersten Szenen scheinen wie aus einer düsteren Graphik Novel entsprungen. Man ist auf der Suche nach Yennefer, Geralts einstiger Geliebten, die auf ihrem wilden Ritt einige Spuren hinterlassen hat. In hastigen Rückblenden sehen wir in den tödlichen Schlund der Erde gezogene Soldaten, eine Krähe, die sich ihren Weg durch das Auge und Gehirn eines Kämpfers bohrt und die schwarzhaarige Magierin, die mit ihrem Pferd mehr Dreck und Staub aufwirbelt als meinem Bildschirm gut tut. Sofort bin ich von den Bildern in den Bann gezogen selbst dann, als die Handlung um mehrere Wochen zu springen scheint und sich Geralt in edlen Gemächern wiederfindet. Unweit seines Zubers räkelt sich Yennefer höchstselbst, nackt und mit perfektem Blick auf ihr wohlgerundetes Hinterteil. Ein Sprung? Oder doch nur ein Traum?

    Und sind das bereits zu viele Ansichten auf weibliche Hinterteile? Als Geralt aus dem Zuber steigt, ist von seiner Pracht jedenfalls nichts zu sehen. Ein Trauerspiel. So zumindest laut dieser Bloggerin, die Sexismus wittert und das Spiel vorzeitig abbricht. Ach herrje, möchte man da nur aufrufen, schließlich geht es um Geralt, dessen heterosexueller Blick auf weibliche Haut schwenken darf wie er will. Denn dass aus seiner Sicht erzählt wird, das erscheint mir bereits vom ersten Moment an klar. Wäre es nicht dezent out of character, wenn bei ihm kein male gaze zu sichten wäre? Und sehen wir ihm nicht das ganze Spiel über schon genug auf den Hintern? Seine Sicht der Dinge ist so gut in Szene gesetzt, dass ich drauf und dran bin, mir die Haare weiß zu färben, so dicht bin ich bei ihm.

    witcher3fWenn er durch die Welt streift, sich mit Leuten unterhält und armen Banditen die Gliedmaßen abschlägt, ist das ein wahres Fest. Ich springe nicht wahl- und geistlos von Quest zu Quest, sondern erlange das Gefühl, wirklich etwas zu tun in dieser Welt. Die Geschichten sind dichter gewebt als die Spinnennetze, die mir in verlassenen Waldhütten ins Gesicht wehen, die NPCs erscheinen nicht wie schnöde Redshirts, sondern wie Leute, die etwas zu sagen, befürchten und hoffen haben. Ich möchte ihnen helfen, weil sie mich so herzzerreissend anblicken oder mich ihr Auftrag anspricht und nicht, um meinen Avatar mit XPs zu füttern. Was sind schon XPs in einer so schönen Welt, die so voller Gegensätze ist?

    witcher3landSonnenuntergänge wie gemalt, wunderschöne Städte, die bereits aus weiter Ferne bezaubern, Sonnenblumen, die sacht im Wind wehen – und an kargen Bäumen die Erhängten,  am Boden die von Schwertern zerstückelte Menschen. Man spürt das Elend, den Hunger, den Krieg, er ist wie eine hässliche, eitrige Wunde, die sich durch das einst schöne Land frisst. Auf meinen Wanderschaften treffe ich auf Menschen aller Couleur, deren Wortwahl entzückt. Nebst gängigem Fantasy-Pseudomittelaltersprech ist es vor allen Dingen die Alltagssprache, die mich zu überzeugen weiß. Wichser, Fotze, Schlampe und Schwänze, wo wären wir denn, wenn das einfache Volk diese Wörter nicht kennen würde? Nicht im Happy Witcher Land – und auch im weit, weit entfernten Land des Real Life wäre eine Nichtexistenz jener Begriffe undenkbar. Sofort fühle ich mich wohl, in diesen Wortwahlgraden kenne ich mich bestens aus. „Selber Hurensohn!“, rufe ich gen Playstation, während ich dem üblen Gesellen den Kopf von den Schultern schnippse. Denn auch Gewalt ist etwas, das hier nicht zelebriert, sondern geschmeidig in die Welt eingefügt wird. Sie existiert und es gibt auch die ein oder andere Zeitlupenaufnahme von spritzendem Blut, doch negativ auffallen tut es keineswegs. Es passt in die Welt und trägt zur Immersion bei.

    Die Welt ist offen, die Hauptqueste mit all ihren Cutscenes mag man verfolgen, man muss es aber nicht sofort und kann auch immer wieder an alte Orte zurück kehren. Grenzen scheint es kaum zu geben- was auch ein geschätzter Bloggerkollege am eigenen Witcherleib zu spüren bekommen hat. Dank seines beherzten Sprungs über einen Balkon blieb es mir erspart, die Levelgrenzen derart selbstzerstörerisch auszuloten. Selbstzerstörerisch für mich sind dafür Sammelkartenspiele. Zumndest dann, wenn man ein wenig süchtig nach ihnen geworden ist. Genauer: Nach Gwint, dem Spiel, das die Zwerge einst perfektioniert hatten und sich nun bei mir höchster Beliebtheit erfreut. Einen kleinen Eindruck von dem Spiel erhaltet ihr hier.

    Was indes negativ auffällt, ist der Gloss, in den mancher Charakter getunkt zu sein scheint. Ob Stoff, Leder, Gold oder Haut, es glänzt, dass es jeder Elster eine wahre Freude wäre. Das kratzt ein wenig am Lack des Spiels, doch nicht genug, um mich wie ein Kleinkind plärren zu lassen. Es ist völlig im Rahmen. Man merkt vielleicht, dass ich wirklich verliebt in dieses Spiel bin. Sicher hat es auch Fehler: Die Steuerung könnte exakter sein und ich möchte jede Leiche untersuchen können, statt nur die questrelevanten. Dass mir das auffällt, zeugt allerdings wieder von der Qualität. Ich bin es hier so gewohnt, jeden Mordfall untersuchen zu können, jeder Spur zu folgen und zumindest den Anschein zu bekommen, kriminalistisch tätig zu sein, dass die kleinste Abweichung bereits ins Gewicht fällt. Auch finde ich die Bedienung des Interface auf der PS4 etwas umständlich, was einfach auch den vielen Möglichkeiten wie etwa Items geschuldet ist. Den Schwierigkeitsgrad würde ich auch auf höchster Stufe als „moderat“ beschreiben. Da ginge sicher noch was.

    witcher3b

    Noch bin ich nicht durch, zumal ich auf keinen Fall durchrennen möchte. Vielmehr möchte ich spazieren gehen, um mich in dem Spiel fallen zu lassen. So wie es sich gehört! Daher könnte es sein, dass mein Urteil nach Beenden des Spieles anders ausfällt als zum jetzigen Zeitpunkt. Wird es schwieriger, einfacher oder verwässert sich die Storyline? Ich weiß es nicht. Das, was ich weiß ist, dass ich ungelogen noch nie so viel Immersion bei einem Videospiel erlebt habe. Hätte The Witcher Skyrims Skill- und Kampfsystem, ich würde mich vor lauter Glück vermutlich vom Balkon stürzen. Vom Balkon meines Nachbarn aus dem Erdgeschoss zwar, aber immerhin!witcher3e

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  2. 6 Kommentare

    1. ich habe den Eindruck, du findest das Spiel jetzt garnicht mal sooo schlecht ;)

    2. Schön geschrieben!

      Das Gefühl der Immersion, der wirklichen Entscheidungen und des, ja, rollenspiels hatte ich schon bei Witcher 2, weshalb ich mich auf 3 auch so freute.

      Bei Dragon Age Inquisition merke ich recht fix, dass ich Timesink Queste nur für die XP mache. Bei Witcher sind die Sidequests alleine für sich interessant genug, da fällt mir das XP abkassieren kaum auf.

    3. Na, wenn sogar du als Haterin meinst, das dieses Spiel erträglich ist, könnte ich ja mal darüber nachdenken :-) schöner Artikel.

    4. Dabei ist es sooooo gut!
      Oh Verzeihung. Habe den salzstreuer über deiner wunde ausgekippt 0;)

    5. moep0r sagt:

      Haha, die Sache mit dem Gloss ist mir auch direkt aufgefallen.

    6. 189 Stunden, 53 Minuten und ein paar Sekunden. Bis auf alle Gwintkarten (keine Ahnung wo die sind, obwohl ich jeden abgezogen habe) habe ich alle Quests erledigt und bin überaus zufrieden mit dem Ende und dem ganzen Spiel. Um genau zu sein werde ich Gerald und Ciri sehr vermissen, denn dies war ein Meilenstein der Videospielgeschichte für mich!

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