Vergewaltigung in der Netflix-Serie Bridgerton

Die Vergewaltigung in Netflix‘ Bridgertons ist nicht okay umgesetzt

Die Dramaserie Bridgerton, in der man einer Reihe fiktiver Personen aus der Londoner High Society durch die Ballsaison des Jahres 1813 folgt, erfreut sich auf Netflix seit einigen Wochen großer Beliebtheit. Nun habe ich auch reingeschaut und muss ein Thema ansprechen, das die Serie absolut nicht gut löst: Die Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau.

Vorsicht: Ich werde in diesem Video die entsprechende Szene zeigen und natürlich auch darüber sprechen. Hier sei also eine explizite Triggerwarnung ausgesprochen.

[Der Text auf dem Blog ist nur das Transkript]

Im Mittelpunkt steht Daphne, die sich als älteste Tochter der wohlhabenen Familie Bridgerton auf dem Heiratsmarkt befand und schon nach wenigen Episoden den Herzog Simon heiratet. Es ist eine stark erblühende Liebe geprägt von Hingabe und Leidenschaft. Vor ihrer Heirat schon beichtet ihr Simon, dass er keine Kinder haben kann.

Oder, im Deutschen „Wenn wir heiraten würden, könnte ich dir nie Kinder schenken“. Sich dessen ganz bewusst heiratet sie ihn schließlich. Bei den vielen, vielen Sexabenteuern später zieht er dann vor seinen Orgasmen den Penis raus, nutzt also die *hust* „Verhütungsmethode“ Coitus Interruptus. Dazu sei gesagt, dass Daphne nie aufgeklärt worden ist, also gar nicht weiß, wie genau Kinder entstehen. Hier zeigt sich ein Machtgefälle Simons ihr gegenüber, wobei er später andeuten wird, dass er gedacht hatte, sie wisse mehr.

Bald findet Daphne jedenfalls raus, dass er wohl deshalb keine Kinder bekommen kann, weil er keine will. Dass also einfach nur das Sperma fehlt. Anstatt dann mit ihm über das Warum zu reden, setzt sie ihren Willen kurzerhand durch. Beim nächsten Sex übernimmt sie die Führung und setzt sich auf ihn. Das gefällt sowohl ihr als auch ihm, Consent ist bis hierhin also durchaus gegeben. Dann jedoch schwenkt es um. Simon merkt, dass er eben nicht mehr so einfach den Penis aus ihr herausziehen kann. Man sieht ihm an, dass er erschrocken ist. Gleichzeitig sieht man ihr an, dass es sie gar nicht schert. Auf sein Bitten zu Warten hin macht sie weiter. Bis er schließlich in ihr ejakuliert.

Und ja. Das ist in meinen Augen ganz klar Vergewaltigung und im Auge des deutschen Gesetzes, wenn man es denn mit Stealthing gleichsetzen würde, zumindest ein sexueller Übergriff.

Sowohl verbal, als auch nonverbal hat Simon ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Consent, der zu Beginn bestanden hatte, nun nicht mehr besteht. Dass er gerade unter Schock steht. Sie missbraucht ihn, setzt sich über seine Grenzen hinweg und vergewaltigt ihn.

Ich finde es krass, dass die Serie das gar nicht weiter thematisiert. Im Gegenteil wird Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Nicht sie ist es, die sich später bei ihm entschulidgt, sondern er entschuldigt sich bei ihr. Es wird so getan, als sei sein Schweigen über die Gründe seiner Kinderlosigkeit eine so krasse Lüge, dass es diese tat rechtfertigen würde. Diskussionsinhalte sind also seine Lügen zum Thema. Dabei hat er nie behauptet, dass sein Sperma unfruchtbar sei. Natürlich hätte er expliziter sein können. Aber nach Gesprächen hätte er es wohl so oder so getan. Ganz egal, wie krass dieses Lügen oder verheimlichen gewesen ist, ich wiederhole: Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt eine Vergewaltigung.

Nur die Stimme aus dem Off thematisiert es kurz:

„Verzweifelte Zeiten mögen nach verzweifelten Taten schreien, doch ich wette, dass ihre Taten für viele die Grenzen des Erlaubten überschreiten. Möglicherweise dachte sie, keine Wahl zu haben. Oder sie kennt keine Skrupel. Doch ich frage sie: Kann der Zweck jemals solch schäbige Mittel heiligen?„


Das jedoch ist deutlich zu wenig und lässt zu viel Raum.

In einem Interview hat Intimacy-Coordinatorin Lizza Talbot die Gründe für diese Szene folgendermaßen benannt: „There becomes an invisible power dynamic shift where she’s far more in control than ever before. She was certainly leading it and that was really important to convey.“

Hier sind wir also wieder beim ebenso berühmten wie berüchtgen „Rape als Plot Device“, an der eine Person wächst. Anders als zum Beispiel in Game of Thrones wächst durch die Vergewaltgung nicht das Opfer, sondern in diesem Fall die Täterin. Was ein großartiger Fortschritt. Nicht.

Ein Lernprozess, der mittels einer Vergewaltigung erfolgt, ist schlicht und ergreifend ein scheiß Lernprozess. Empowerment kann man auch anders ausdrücken.

Dabei scheint den Macher*innen klar zu sein, dass die Szene an sich problematsich ist. In der Buchvorlage macht Daphne ihn absichtlich halb betrunken und nutzt seinen Zustand da noch zusätztlich aus. In der Serie wurde es also entschärft. Man ist sich des Problemes offenbar gar nicht bwusst und erkennt es nicht als das, was es ist.

Und das hat System. Männer, die von Frauen vergewaltigt werden, werden oftmals nicht ernstgenommen und im schlimmsten Fall gemobbt. Dabei kommt es auf körperliche Verhältnisse gar nicht an. Simon beispielweise ist deutlich kräftiger als Daphne. Aber ein Schock lässt einen oft handlungsunfähig zurück. Eine Frau kann ebenso Täterin werden wie ein Mann, nur gibt es dazu nur unzureichend Studien.

Auch wenn nicht in den Körper eingedrungen wird, so wird doch über den Körper, das Sperma und auch über das Bewustsein bestimmt. Oft wird argumentiert, dass Sex Männern generell immer Spaß machen würde. Aber dem ist nicht so. Und auch eine Erektion ist längst kein Garant für Lust. Der penis ist ein Schwellkörper, der auf äußere, wie auch psychische Reize reagiert. So kann jemand im Extremfall bspw. auch bei Panik eine Erektion bekommen.

Nun ist es so, dass es Vergewaltigungen gibt und auch in Serien thematisiert werden dürfen. Auch in pseudo-historischen wie dieser. Und es ist auch klar, dass im 19. Jahrhundert juristisch gesehen andere Maßstäbe galten. ABer es kann und darf nicht sein, dass eine Vergewaltigung so stehen gelassen und das Opfer zum Täter gemacht wird. Nichts rechtfertigt eine Vergewaltigung. Rein gar nichts.

Und wenn wir das verinnerlicht haben, können wir vielleicht zum nächsten Thema übergehen, das da wäre. Weshalb Coitus Interruptus keine geile Verhütungsmethode ist.


Aus Datenschutzgründen habe ich die Kommentarfunktion auf dem Blog abgeschaltet. Bei Fragen, Anmerkungen, Ergänzungen und mehr könnt ihr den Beitrag aber gerne auf den sozialen Medien kommentieren: auf Facebook oder Twitter. Und natürlich direkt unter dem Video.

Sharing is caring. Danke für deinen Support! 🖤

One thought on “Die Vergewaltigung in Netflix‘ Bridgertons ist nicht okay umgesetzt

Comments are closed.